08.03.2024 Haiko Tobias Prengel

Das Märchen von der Jugend, die kein Auto mehr fahren will

Wächst mit der Generation Z eine Anti-Auto-Jugend heran? Kaum, zeigen neue Daten: Der eigene Pkw bleibt für junge Leute immens wichtig. Denn zum Umsteigen fehlen häufig die Alternativen.


„Das Auto ist für Jüngere kein Statussymbol mehr“ oder „Junge Menschen wollen weniger Auto und mehr Fahrrad fahren“: Viele Medienberichte legten in den vergangenen Jahren nahe, dass die Bedeutung des Autos abgenommen habe. Neue Untersuchungen zeigen nun: Von einem Bedeutungsverlust des motorisierten Individualverkehrs kann keine Rede sein, auch nicht bei der vermeintlich besonders umweltbewussten Generation Z. In einer repräsentativen Studie befragte das Umfrageinstitut Kantar weltweit 9.000 Jugendliche und junge Erwachsene (16 bis 25 Jahre) zu ihrer Einstellung zu Mobilität. Das Ergebnis: Weltweit stellt diese eine wesentliche Voraussetzung für den Zugang zu Bildung, Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe dar – auch und gerade in Deutschland. Dabei hat Nachhaltigkeit für junge Leute zwar hohe Priorität. Außerdem zeigen sich viele an alternativen Mobilitätsangeboten interessiert. Einen Pkw-Führerschein zu machen und ein eigenes Auto zu besitzen bleibt aber wesentlich und prägend für den persönlichen Werdegang.

So erklärten 45 Prozent der deutschen Befragten, dass der Besitz eines eigenen Autos für sie einen wichtigen Lebensabschnitt darstelle. In den USA sehen das sogar 66 Prozent so. Für Mietwagen und Carsharing kann sich die Mehrheit dagegen nicht erwärmen. Nur für 28 Prozent aller Befragten stellt dies eine Alternative zum eigenen Fahrzeug dar. Dabei galt Carsharing als große Hoffnung, um den Autoverkehr zurückzudrängen. Viele Städte leiden unter Dauerstau. Doch die Masse an Blech wächst weiter. Fast 50 Millionen Pkw sind in Deutschland zugelassen, ein Rekord.

Eine Zeit lang schien das eigene Auto für junge Leute tatsächlich unattraktiver zu werden. Die Zahl der Pkw pro 1.000 Personen sank bei den 18- bis 24-Jährigen vom Höchststand im Jahr 2000 (272 Pkw) auf 152 Pkw in den Jahren 2008 und 2009. Doch das lag nicht daran, dass das Auto plötzlich uncool geworden wäre. „Viel hatte dieser Rückgang eher mit sozioökonomischen Faktoren zu tun“, sagt Prof. Dr.-Ing. Tobias Kuhnimhof, Mobilitätsforscher an der RWTH Aachen.

So seien damals viele junge Leute zum Studieren in die Großstädte gezogen. Die Familiengründung, oft ein Grund für die Anschaffung eines Pkw, verschob sich häufig auf später. Zeitgleich führten die Hochschulen das Semesterticket für günstigere ÖPNV-Nutzung ein. In Folge der Finanzkrise von 2007/2008 zogen viele junge Menschen aus Südeuropa zu – häufig ohne Führerschein und Auto. Dies wiederholte sich 2015/2016, als zahlreiche Flüchtende ins Land kamen. Das drückte die Zahl junger Pkw-Besitzer erneut nach unten.


„Tatsächlich gab es hier aber nie eine Trendwende mit größeren Auswirkungen.“

– Prof. Dr.-Ing. Tobias Kuhnimhof, Mobilitätsforscher, RWTH Aachen


Carsharing galt lange als mögliche Lösung für staugeplagte Städte. Das Angebot wurde allerdings nicht entsprechend angenommen. Foto: stock.adobe.com/© Björn Wylezich

Falsche Folgerungen

Damals, so Tobias Kuhnimhof, seien aus diesen Zahlen die völlig falschen Schlüsse gezogen worden. Dass das Auto für junge Menschen an Stellenwert verliere, war häufig zu hören. „Tatsächlich gab es hier aber nie eine Trendwende mit größeren Auswirkungen“, sagt der Mobilitätsforscher. Seit Jahren steigt die Zahl der Pkw bei den 18- bis 24-Jährigen nämlich wieder an. 2022 lag der Wert bei einem neuen Hoch von 188 Pkw pro 1.000 Personen, trotz Corona-Krise und zeitweise eingeschränkten Straßenverkehrs.

Auch die Zahl der ausgegebenen Führerscheine stieg in den vergangenen drei Jahren. Für 88 Prozent ist die Fahrerlaubnis wichtig für das tägliche Leben, ermittelte der TÜV-Verband. Das gelte auch für junge Leute, schreiben die dortigen Experten: „Für 76 Prozent der 16- bis 29-jährigen Führerscheinbesitzer:innen ist die Fahrerlaubnis für das tägliche Leben wichtig oder sehr wichtig.“


„Grundsätzlich ist die Automobilität aber keineswegs im Rückwärtsgang.“

– Jürgen Schielein, Fahrschulunternehmer, Nürnberg


Jürgen Schielein kann das bestätigen, sein Unternehmen betreibt acht Fahrschulen im Raum Nürnberg. Allenfalls in den Großstädten fingen die jungen Leute etwas später mit dem Führerschein an, sagt Schielein. Auf dem Land habe sich das Einstiegsalter nicht geändert, dort bleibe das Auto für viele unverzichtbar, um mobil zu sein. Zwar fragten Jüngere verstärkt nach Elektroautos, Jürgen Schielein hat bereits fünf Stromer für seine Fahrschulen angeschafft. „Grundsätzlich ist die Automobilität aber keineswegs im Rückwärtsgang.“

Ob Bobbycar, ferngesteuertes Auto oder Rennwagen-Videospiele: Schon im Kindesalter werden Menschen auf das Auto als wichtigstes Fortbewegungsmittel geeicht. Bildungsexperten weisen auf die Vorbildfunktion der Eltern hin. Zwar können diese vorleben, dass man nicht für jede Erledigung den Pkw braucht – und auf Bus, Bahn oder Fahrrad setzen. Doch ringsum dominiert das Auto im Alltag. Das beginnt schon frühmorgens, wenn der Nachwuchs im „Elterntaxi“ zu Kita oder Grundschule chauffiert wird.

Zögerliche Politik

Eine Mitverantwortung haben zudem die Entscheider in Politik und Verwaltung – diese agierten bei der Verkehrsplanung oft zu zaghaft, sagt Forscher Kuhnimhof: „Es ist diese verbreitete Sichtweise, dass sich unsere Verkehrsprobleme schon von selbst lösen werden, weil sich die jungen Leute angeblich nicht mehr fürs Auto interessierten.“

Dabei zeigten Untersuchungen: Überall dort, wo der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werde, stiegen die Menschen durchaus öfter vom Auto auf andere Verkehrsmittel um. Doch vielerorts bleibt das ÖPNV-Angebot dünn.

Gerade junge Deutsche beurteilen in der Kantar-Studie den Öffentlichen Verkehr negativ. Ob S-Bahn, Tram oder Bus, das Verkehrsangebot an ihrem Wohnort bewerten die Befragten mit nur 6,7 von möglichen 10 Punkten – und damit niedriger als in jeder anderen Weltregion. Besonders schlecht empfinden deutsche Heranwachsende das Verkehrsangebot in ländlichen Gebieten (6,2 von 10 Punkten).
 

Elektrische Tretroller fallen im städtischen Straßenbild zwar auf, doch als alternatives Fortbewegungsmittel bleiben sie nach wie vor ein Nischenphänomen. Foto: stock.adobe.com/© Wellnhofer Designs

Und das Fahrrad? Ja, neue Radwege seien vielerorts gebaut worden, sagt Forscher Tobias Kuhnimhof. In den Städten stiegen Heranwachsende gerne auf E-Roller. „Doch das sind absolute Nischen, die dem Auto als Fortbewegungsmittel Nummer eins nichts anhaben können.“

 

Titelfoto: stock.adobe.com/© Kzenon
 


Kategorien