Berg- und Talfahrt durch die Krise: Die Fahrradbranche zwischen Boom und Lieferschwierigkeiten

Das Fahrrad war und ist ein beliebtes Fortbewegungsmittel während der Corona-Pandemie. Foto: stock.adobe.com/© Uwe Moser

Im vergangenen Jahr erlebte die Fahrradbranche ein Auf und Ab: Lockdown, Boom und Lieferknappheit, dann wieder Lockdown. Von Fahrrädern als neuem Klo­papier war die Rede, lange Schlangen und leere Regale prägten mancherorts das Bild der Fahrradläden. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden Kunden auch in diesem Jahr noch spüren.

 

Corona wirbelte im vergangenen Jahr vieles kräftig durcheinander – auch die Fahrradbranche. „Außergewöhnlich ist genau das richtige Wort für das Jahr 2020 – zum Teil fühlten wir uns wie in der Achterbahn“, beschreibt Marketingleiter Thorsten Kamin stellvertretend für 29 ­Lucky-Bike- und Radlbauer-Fillialen die Lage im Rückblick.

Geschlossene Radläden zur Hauptsaison
Aber von vorne: Mit dem Lockdown im März mussten bis auf die Fahrradläden in Berlin und teilweise die Werkstätten alle Zweiradgeschäfte schließen – pünktlich zur Hauptsaison. „Dementsprechend sahen sich unsere e-motion-Händler mit genau denselben Ängsten und Sorgen aller Einzelhändler konfrontiert“, sagt Jenny Janson, die bei e-motion mit einem Team über 60 E-Bike-Händler betreut. Der ein oder andere versuchte alles, um die Schließungen zu überbrücken, war während des ersten Lockdowns zum Beispiel online, mit Video- oder Telefonberatungen für die Kunden da und stellte auf Lieferservice um. In dieser Zeit gab es laut Zweirad Industrie Verband (ZIV) dementsprechend große Zuwächse beim Onlinegeschäft.

Unvorhergesehenes nach dem Lockdown
Zwar war die Branche auf ein weiteres Wachstum für 2020 eingestellt. Was dann Ende April allerdings passierte, hatte so kaum jemand vorhergesehen: „Nach der Öffnung haben die Kunden die Fahrradläden eingerannt. Obwohl der April eigentlich bis auf zehn Tage komplett geschlossen war, hatten wir an Verkäufen schon wieder aufgeholt, was wir vorher nicht realisieren konnten. Der Mai war der stärkste ­Monat überhaupt. Ende Mai ­waren wir da, wo wir immer Ende Mai sind“, sagt ZIV-Marketingleiter David ­Eisenberger. Besonders in den Bereichen Kinderfahr­räder, Reiseräder, Preis­einstiegssegment und E-Bikes habe es eine extrem große Nachfrage gegeben. Der ZIV rechnet dementsprechend mit einem Absatzplus von 9,2 Prozent fürs erste Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr. Schätzungen des ZIV zufolge wurden in diesem Zeitraum
ca. 3,2 Millionen Fahr­räder und E-Bikes verkauft. 

Unter Einhaltung der Hygienevorschriften verkauften sich Fahrräder wie geschnitten Brot. Foto: e-motion Technologies

Pandemie als Katalysator
Experten sind sich einig, dass der Fahrradboom nicht ausschließlich auf Corona zurückzuführen ist. „Die Pandemie fungierte eher als Katalysator“, erläutert Janson. Schon zuvor wuchs der Markt seit Jahren. „Die normale Entwicklung ist durch Corona verschärft worden“, sagt Eisenberger. Viele entdeckten das Fahrrad als Freizeitbeschäftigung. Pendler stiegen vom ÖPNV aufs Rad um, weil sie hier eine geringere Ansteckungsgefahr sahen – einige von ihnen schafften sich dafür ein neues Einstiegsrad an. Corona hat laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) vom Juni und Juli 2020 das Mobilitätsverhalten der Deutschen grundlegend verändert. „Wir sehen, dass viele Menschen angefangen haben, mehr Fahrrad zu fahren“, sagt Dr. Claudia Nobis, Leiterin der Gruppe Verkehrsverhalten am DLR.
Neben Einstiegsrädern standen auch Kinderräder hoch im Kurs, weil während des ersten Lockdowns Ausflüge an der frischen Luft bei vielen Familien beliebt waren. Statt wie gewohnt in den Urlaub zu fahren, stiegen viele auf Reiseräder, und nicht selten wurde gespartes Urlaubsgeld in ein Zweirad investiert.

Viele Pendler stiegen während der Krise vom ÖPNV aufs Fahrrad um. Foto: www.ortlieb.com | pd-f

Nachfrage übersteigt Angebot
Mit der zunehmenden Beliebtheit kam der Engpass. Der Shutdown vom Februar 2020 in Asien, wo viele Fahrradteile – beispielsweise Rahmen – gefertigt werden, schlug sich im Sommer dann in Lieferverzögerungen und -engpässen in den Fahrradläden hierzulande nieder. Die Lager waren leer, Hersteller kamen mit der Produktion nicht mehr hinterher und im Fahrradhandel überstieg die Nachfrage das Angebot. „Die Lieferzeiten einzelner Modelle oder ganzer Hersteller verlängerten sich zusehends und bestellte Räder mussten teilweise vom Hersteller komplett storniert werden, da einzelne Komponenten fehlten“, schildert Händlerbetreuerin Janson von e-motion die Situation im vergangenen Sommer.
Wie die gesamte Branche waren auch die Lucky-Bike- und Radlbauer-Filialen von ­Lieferengpässen betroffen. „Durch die Komplexität des Produktes Fahrrad und die mehrstufigen Lieferketten beeinflussen kleinste Verzögerungen schnell das gesamte System. Das betrifft neben Fahrrädern und E-Bikes eben auch Zubehör und Ersatzteile“, sagt Marketingleiter Kamin. Und so verwundert es nicht, dass mancher Händler aus Mangel an Ersatzteilen und Kapazitäten nur Fahrräder reparierte, die auch bei ihm gekauft wurden.

 

Herausforderung für die Industrie
Währenddessen versuchte die Industrie aus den schwierigen Bedingungen das Beste zu machen. „Die hohe Nachfrage ist herausfordernd für die Industrie. Die Zulieferer aus Asien oder wo auch immer können sich so kurzfristig gar nicht an eine so hohe Nachfrage anpassen“, sagt Eisenberger. Einige  fehlende Teile wurden durch ­andere ersetzt, wie Janson bestätigt: „Bei Premiumherstellern wird dies voraussichtlich keine elementaren Komponenten wie Motoren oder Gangschaltungen betreffen und es werden keine Premium-Komponenten gegen minderwertige Ersatzteile ausgetauscht werden, denkbar ist dies bei Komponenten wie Sätteln oder Reifen und da ­bietet der Markt eine Vielfalt an gleichwertigen Ersatzprodukten.“ Manche Hersteller wechselten vom Schiff auf die Schiene, um Ware von Asien nach Europa zu bringen. Der Fahrradanhänger-Hersteller Croozer hat hierfür beispielsweise von April bis September 2020 Mehrkosten bei etwa Faktor drei in Kauf genommen, um Lieferverzögerungen entgegenzuwirken. „Mit dem Zug ist die Ware zwei Wochen schneller da“, erzählt Geschäftsführer Markus Krill. Der E-Bike-Antrieb-Hersteller Bosch eBike Systems unternahm laut Marketingleiterin Tamara Winograd ebenfalls alles, um die Lieferfähigkeit aufrechtzuerhalten und produzierte trotz Unsicherheiten im vergangenen Jahr durchgängig. So habe es weder 2020 einen Rückstand gegeben, noch rechne das Unternehmen in diesem Jahr mit Lieferengpässen.

 

Produktknappheit im Sommer?
Nach der intensiven Phase im vergangenen Jahr brachte der erneute Lockdown ab Dezember etwas Ruhe für den Handel: „Unsere Händler haben nach der doch sehr anstrengenden und langen Saison nun etwas Zeit, um liegengebliebene Dinge abzuarbeiten und sich sorgfältig auf den Start der kommenden Saison vorzubereiten“, sagt Janson. Turbulent wird es bleiben, denn viele sind nach wie vor am Limit, wie auch die Recherche zu diesem Artikel zeigt. Manche beantworteten Interviewanfragen nicht oder sagten sie aus Mangel an Kapazitäten ab. „Wir produzieren seit September 2020 schon die neue Kollektion. Durch die erhöhten Vorbestellungen des Handels sind bei Neubestellungen vom Handel meist lange Liefer­zeiten zu erwarten. Einige ­Modelle sind auch schon gar nicht mehr bestellbar“, berichtet Marketingleiter Jacob von Hacht von der aktuellen Situation beim Fahrradhersteller Stevens in Hamburg. Und so befürchtet Jörg Müsse, Geschäftsführer beim Handelsverbund Bike & Co, zu dem rund 700 Fahrradhändler gehören, „dass wir die ganze Saison von der Hand in den Mund leben“. Auch Eisenberger vom ZIV rechnet wieder mit einer Produktknappheit in den Sommermonaten. „Man kann bereits jetzt sehen, dass sich Lieferzeiten für neue Modelle kurzfristig verändern. Modelle, die im Januar geliefert werden sollten, wurden beispielsweise auf März geschoben. In Kontrast dazu ­werden aber auch kurzfristig Kontingente frei und E-Bikes, die noch gar nicht erwartet wurden, werden auf einmal geliefert. Planungssicherheit ist in diesem Jahr für die gesamte Branche sehr schwierig, für Hersteller, Händler und damit schlussendlich auch für die Kunden“, sagt Janson.

So leer werden die Regale im Sommer hoffentlich nicht sein. Dennoch: Experten rechnen mit Lieferengpässen der Fahrradindustrie. Foto: stock.adobe.com/© Wirestock

Fahrrad möglichst bald kaufen
Wer in dieser Saison ein Fahrrad kaufen möchte, sollte sich also frühzeitig darum kümmern, die Beratungsmöglichkeiten der Händler ausschöpfen und sich schon in der ­kalten Jahreszeit informieren – nicht erst, wenn mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühjahrs viele die Rad­läden stürmen. Schnell und flexibel sein bei Marke und Modell, lautet die Devise. Nicht immer werden alle Varianten verfügbar sein, auf Wartezeiten müssen sich Kunden einstellen – auch bei Reparaturen.

Fahrradtrend hält weiter an
Ein Ende des Booms scheint nicht in Sicht. „Natürlich ist es gesellschaftlich und politisch absehbar, dass das Fahrrad auch im Jahr 2021 einer der zentralen Akteure im Mobilitätswandel sein wird“, sagt Kamin. Insgesamt ist die Branche optimistisch gestimmt. „Wir sind zuversichtlich, dass der Trend sich ver­festigt und sich sogar noch viel weiter ausbaut“, wagt Eisen­berger einen Blick in die Zukunft. Und so erwartet der ZIV für 2021 das, was er auch für das Gesamtjahr 2020 erwartet: ein Absatzplus von 20 Prozent über dem Vorjahr. Die Fahrradbranche scheint als ­Gewinner aus der Krise zu gehen, auch wenn „der überdurchschnittliche Erfolg im vergangenen Jahr natürlich den bitteren Beigeschmack Corona“ behält, wie Kamin feststellt. Bis wieder Normalität einkehrt, wird es dauern. Laut Eisenberger ist erst 2022 daran zu denken.    

 

Wer auf eine große Auswahl Wert legt, sollte sich möglichst bald nach einem neuen Fahrrad umsehen. Foto: Lucky Bike
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