Auf den Spuren der Brüder Grimm in Nordhessen: Märchenorte zwischen Urwald und Burgen
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Reinhardswald in Nordhessen – Im Urwald der Märchen
Die Bushaltestelle trägt den Namen „Urwald“. Doch die Luft ist kühl und nicht feuchtwarm wie am Amazonas. Wir sind im rauen Nordhessen, im Reinhardswald nämlich, der der Sage nach seinen Namen davon hat, dass einst einem Grafen Reinhard das schöne Land zwischen Diemel und Weser gehörte, bis er sein Reich beim Spiel verlor.
Der Reinhardswald war ein „Hutewald“, wurde also für das Hüten von Rindern und Schweinen genutzt, weshalb seine heute bizarr geformten Uralteichen und gigantischen Buchen in weiten Abständen voneinander gepflanzt wurden, damit genug Gras für das Vieh darunter wachsen konnte. Heute wird der Wald nicht mehr beweidet, bleibt sich selbst überlassen, verzaubert mit Moosen, Flechten, Pilzen und Totholz am Boden.
Schon 1907 wurde ein Teilstück, das als Urwald Sababurg bekannt ist, zum ersten Naturschutzgebiet Hessens deklariert. „Im Urwald Sababurg stehen beeindruckende Baumriesen, wie im Märchen taucht man mit dem Betreten des Waldes ein in das Reich der Magie“, stellte der Fotograf und Naturfilmer Andreas Kieling fest. Auf drei unterschiedlich langen Rundwegen im Zeichen von Specht, Eichblatt und Hirschkäfer lässt er sich problemlos selbst erkunden. Wer fachkundige Begleitung wünscht, kann eine der Führungen buchen, die der Naturpark Reinhardswald e. V. anbietet.
Märchenhafte Burgen in Nordhessen entdecken
In Nordhessen wimmelt es nur so von Sagen und Märchen. Drei Riesinnen sollen hier einst gelebt haben: Brama, Saba – und Trendula, von der es heißt, sie habe ihre Schwestern mit Steinwürfen getötet. Ihre Namen konnte sie aber nicht auslöschen, denn diese leben in der Bramburg und der Sababurg weiter. Während von der Bramburg nur noch rudimentäre Reste vorhanden sind, beeindrucken die anderen beiden Festungen mit gut erhaltenen historischen Mauern.
Die Trendelburg, im gleichnamigen Ort gelegen, beansprucht, Schauplatz des Rapunzel-Märchens gewesen zu sein. Manchmal schaut sogar eine Schönheit mit weißblondem Kunsthaarzopf aus dem Fenster auf staunende Bewunderer hinab. Märchenhaft geht es auch gleich nebenan zu, im feinen Hotel innerhalb der Burgmauern. Das nicht weit entfernte Örtchen Grebenstein mit malerischer Burgruine will die Gänsemagd in seiner Fachwerkherrlichkeit angesiedelt wissen.
Die Sababurg als Dornröschenschloss der Brüder Grimm
Die Sababurg dagegen reklamiert die Dornröschen-Geschichte für sich und beherbergte lange ebenfalls ein Hotel. 1334 wurde die Anlage als „Zappenborgh“ zum Schutze der Pilger des nahen Wallfahrtsortes Gottsbüren errichtet. Ende des 15. Jahrhunderts übernahmen die Landgrafen von Hessen das kurfürstliche Kastell und machten ein prächtiges Jagdschloss daraus. Heute ist die Burg im Besitz des Landes Hessen und seit Jahren eine abgesperrte Baustelle, auf der die Arbeiten ruhen. Sehenswert ist der unterhalb gelegene Tierpark samt Streichelzoo, einer der ältesten und mit 132 Hektar Ausdehnung zugleich größten Tierparks Europas.
Auf Dornröschen beruft sich auch Hofgeismar, das die verschlafene Schöne mit einem Denkmal auf dem Marktplatz und einem Fest am ersten Mai-Sonntag ehrt. Natürlich muss dabei Dornröschen live zugegen sein. Und weil mindestens zwei Dutzend Auftritte pro Jahr vorgesehen sind, gibt es drei Darstellerinnen. Herzallerliebst anzusehen, wenn sie im rosaroten Outfit als Prinzessin im Park Gesundbrunnen posieren.
Warum Nordhessen als Heimat der Grimm-Märchen gilt
Warum aber gibt sich Nordhessen so ausdrücklich märchenhaft? Bei Kassel kreuzten sich einst mehrere historische Handelsstraßen. Vor einem steilen Berg brauchten die Fuhrleute Unterstützung. Das Gasthaus Knallhütte sorgte dafür und diente nach der Zughilfe auch als Raststätte der Kutscher. Von weit her kamen diese oft.
Wirtstochter Dorothea Viehmann hatte ein offenes Ohr für das, was die Gäste erzählten. Viehmann entstammte einer Familie in Frankreich verfolgter Hugenotten, die in Nordhessen Zuflucht fanden. Auf der Basis französischer Märchen hat sie wohl auch eigene Geschichten erfunden. Das Gast- und Brauhaus Knallhütte gibt es noch heute in Baunatal an der A 49 nahe dem Autobahnkreuz Kassel-West, wenn auch nicht als historisches Gebäude.
Grimmwelt Kassel – Das Erbe der Brüder Grimm erleben
Dorothea Viehmanns Geschichten zusammengetragen haben Wilhelm und Jacob Grimm. Diese haben ihre Kinder- und Hausmärchen nämlich nicht selbst ersonnen. „Die Brüder Grimm sind nicht etwa Autoren, sondern Sammler und Wissenschaftler“, so Katja Blum von der Grimmwelt Kassel. Das moderne, architektonisch reizvolle Ausstellungsgebäude widmet sich seit 2015 der Aufgabe, die Bedeutung der Grimms für die deutsche Sprache und Grammatik darzustellen.
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder sollte ursprünglich in sieben bis zehn Jahren abgeschlossen sein. „Das große Exzerpieren beginnt ab 1838“, lässt eine Tafel in der Grimmwelt wissen. Von da an werten die Grimms mit zahlreichen Helfern die deutschsprachige Literatur seit Luther aus. Denn ein Eintrag ins Deutsche Wörterbuch soll neben Herkunft und Verwandtschaft der Wörter auch ihren historischen Gebrauch aufzeigen.
Mammut-Projekt der Grimm-Brüder:
Das Deutsche Wörterbuch
Da es den Grimms nicht zuletzt um die Fülle, die Schönheit und die Poesie der deutschen Sprache geht, entwickelt sich das Projekt ins Uferlose. Nach 21 Jahren (!) Arbeit daran stirbt Wilhelm Grimm, der einzig und allein den Buchstaben D fertiggestellt bekam. Sein Bruder Jakob, der zehn Sprachen perfekt beherrschte, schaffte bis zu seinem Tod 1863 die Buchstaben A bis C sowie alle Wörter mit F bis zum letzten Stichwort „Frucht“.
Mehr als eine halbe Million Schreibfedern sollen die beiden Workaholics verbraucht haben, dazu mehr als 200 Liter Tinte, eine Menge, die zur Veranschaulichung in der Grimmwelt in einen gigantischen Flakon abgefüllt ist. Publikumsliebling des Museums aber ist der Schimpfworttrichter, in den Besucher hineinrufen dürfen, was immer sie sich einfallen lassen, und als Antwort ein zur Grimmzeit gängiges Schimpfwort entgegengeschleudert bekommen. Erst 1961 haben Sprachwissenschaftler das Deutsche Wörterbuch endlich fertiggestellt.
Natürlich sind in der Grimmwelt auch kostbare frühe Handexemplare der Märchen hinter Panzerglas zu sehen. Sie sind als Weltdokumentenerbe klassifiziert. Damit verfügt Kassel über gleich zwei UNESCO-Auszeichnungen, denn der Bergpark Wilhelmshöhe ist als Weltkulturerbe gewürdigt.
Die Deutsche Märchenstraße führt durch Nordhessen
Kassel liegt ebenso wie Hofgeismar und Trendelburg an der 1975 gegründeten Deutschen Märchenstraße. Diese führt von Hanau, der Geburtsstadt der Brüder Grimm, ihrem Studienort Marburg über Bremen, der Heimat der Stadtmusikanten, bis nach Buxtehude bei Hamburg. Die Idee zur Märchenstraße soll einer Delegation aus Hessen übrigens beim Besuch einer von deutschen Märchen inspirierten Eisrevue in Moskau gekommen sein.
Fabeln, Sagen und Märchen sind durchaus kein typisch deutsches Phänomen. Es gibt solche volkstümlichen Erzählungen rund um den Globus. In Europa ist vor allem Frankreich zu nennen, wo Charles Perrault viele Märchen niederschrieb. „La Belle au Bois dormant“ heißt Dornröschen in seiner Fassung. Rapunzel hat seine Ursprünge im heutigen Italien, wo es als „Petrosinella“ daherkommt. Und Frau Holle ist eine vorchristliche, heidnische Sagengestalt, vermutlich skandinavischen Ursprungs. Rotkäppchen erweist sich dagegen als echte Europäerin, da Variationen davon aus diversen Ländern überliefert sind.
Rotkäppchenland Schwalm –
Märchentraditionen zum Anfassen
Wo aber gibt es denn echte Rotkäppchen? In der Schwalm natürlich, ebenfalls in Nordhessen und an der Märchenstraße gelegen. Dort nämlich gehört der rote Kopfputz zur Tracht. Logisch daher, dass sich die Region als Rotkäppchenland bezeichnet.
In Treysa säumen Märchenfiguren aus Bronze die Hauptstraße. Rotkäppchen ist als Holzskulptur am 60 Kilometer langen Bahnradweg zwischen Niederaula und Neustadt zu sehen. Und manchmal begegnet einem sogar ein echtes Rotkäppchen in Schwälmer Tracht. Bis zu 15 übereinander getragene Röcke gehören dazu. Das Ankleiden dauert also eine Weile.
Radfahren im Rotkäppchenland –
Die schönsten Touren der Schwalm
Neukirchen wirbt mit einem „Märchenhaus“. Aus einer privaten Sammlung hervorgegangen, ist es jedoch mit reichlich kitschigem Trödel bestückt. Dafür ist der Bahnradweg auf einer ehemaligen Schienentrasse die reinste Freude. Es gibt kaum Steigungen und der Weg ist seidenglatt geteert. Und unterwegs finden sich immer wieder Infotafeln, die mit einer App auch als Hörstationen zur Region fungieren.
Die ganze Schwalm ist ein Radelparadies. Mehrere ausgewiesene Strecken lassen sich zum Rundkurs „Bahnradfluss“ in zwei Varianten zusammenlegen und bieten tagelanges Vergnügen im Sattel. Geradezu märchenhaft!
ARCD-Reiseservice Nordhessen
Anreise:
- Mit dem Pkw sind es rund 200 km aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Kassel über die A 5.
- Kostenlose Nutzung des ÖPNV vor Ort mit der „Meine Card plus“, die bei Buchung vieler Unterkünfte inklusive ist.
Übernachten:
- Grimm’s Living in Kassel, bildschöne Ferienwohnungen in Fachwerkbau
- Hotel Burg Trendelburg, luxuriöses Haus in historischer Burg
- Parkhotel zum Stern in Oberaula/Schwalm, gediegenes Haus mit Pool und Sauna nahe Bahnradweg
- Hotel Viktorosa in Hofgeismar, modernes Haus mit Märchen-Themenzimmern
Weitere Infos:
„Ich war beeindruckt davon, wie das Schaffen der Brüder Grimm in der Landschaft und Architektur Nordhessens noch heute erlebbar wird.“
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