Panorama, Genuss und Nervenkitzel: Wanderurlaub im Vercors

Wer Wanderurlaub im Vercors macht, kann sich auf tolle Bergpanoramen freuen. Foto: Simone Eber

Wanderfreunde mit Geschmack an ursprünglichen Zielen sollten sich das hierzulande noch wenig bekannte Vercors für die Zeit nach der Corona-Krise vormerken. Die Region vor den Toren Grenobles punktet mit Frankreichs größtem Naturreservat, regionalen Spezialitäten und einer faszinierenden Landschaft.

Etwa 140 Kilometer südöstlich von Lyon in der Region Rhône-Alpes gelegen, hat das Vercors bei französischen Aktivurlaubern schon lange einen guten Namen. Sein hervorstechendstes topografisches Merkmal ist das Hochplateau Hauts Plateaux du Vercors, das sich wie ein Riegel von Nord nach Süd schiebt und so die West- und Ostseite voneinander abgrenzt. Das mit seiner Ausdehnung und seinem markanten Relief an die Dolomiten erinnernde Bergmassiv kann auf einem Weitwanderweg von 410 Kilometern Länge überquert werden. Diese Tour führt vorbei am höchsten Gipfel, dem Grand Veymont (2341 m), und durch Frankreichs größtes Naturreservat, den 1970 gegründeten Naturpark Vercors mit seiner geschützten Flora und Fauna.

 

Doch natürlich offenbart sich der Charme dieses Wanderparadieses auch auf leichteren Runden. Ideal für den Einstieg ist etwa das Plateau de la Molière im Norden der Bergkette. Vom Wanderdorf Autrans aus lässt sich das Hochplateau mit dem Auto anfahren. „Deshalb und wegen der geringen Höhenunterschiede ist dieses Gebiet bei Familien sehr beliebt“, erklärt Wanderführer Etienne. Am Beginn des Weges zieht eine Aussichtsplattform die Besucher magisch an: Umgeben von weidenden Kühen auf grünen Wiesen blicken sie von hier bis zur Alpenkette mit dem Mont Blanc. Der aussichtsreiche Neun-Kilometer-Rundweg (Gehzeit ca. viereinhalb Stunden) verläuft zunächst in südlicher Richtung am Kamm entlang, wobei sich im Osten die umgebenden Berge und Grenoble mit der Isère erstrecken, im Westen die ebene Landschaft rund um Valence mit der Rhone. Nach einem kleinen Abstieg und einer Wende um 180 Grad geht es auf einem etwas tiefer liegenden Pfad vorbei an der Auberge Molière zurück zum Ausgangspunkt.

 

Leichte Wanderung, schöne Aussichten: unterwegs auf dem Plateau de la Molière. Foto: Simone Eber

Almeinkehr auf Französisch

Auf halbem Weg stoppt Etienne, um uns an den Steilhängen Murmeltiere zu zeigen, die in aller Ruhe über die Wiesen hoppeln und auch mit bloßem Auge gut zu erkennen sind. „Nach dem Sommer sind die Tiere vollgefressen und können bis zu zwölf Kilo wiegen“, erklärt der Parkranger. „Von diesen Reserven zehren sie, denn nach dem Winterschlaf sind sie beim Aufwachen im April oft auf etwa sieben Kilo abgemagert.“ Nicht nur Murmeltiere fühlen sich in den Bergen des Vercors wohl. Auch Steinböcke, Gämsen, Königsadler und viele weitere Arten sind hier heimisch.
Nach der Wanderung fährt Etienne mit uns in wenigen Minuten zur Berghütte Refuge Feneys. Die Wirtin hat die Terrasse mit bunten Milchkannen, gemütlichen Liegestühlen und sogar einem einladenden Bett ausgestattet. Das Regelwerk auf dem Plumpsklo und im Bettenlager lassen aber durchaus auf ein strenges Regiment schließen. Bei der Almeinkehr auf Französisch gibt es – obwohl Kühe rundherum stehen – keine Milch, dafür aber ein Drei-Gänge-Menü, das auf Wunsch abgekürzt werden kann. Wir machen Bekanntschaft mit der deftigen Bergküche des Vercors: hausgemachte Ravioli mit Pilzen und Gratins oder Croutes (überbackene Brote) mit dem typischen Blauschimmelkäse.

 

Der Bleu du Vercors, ein milder Blauschimmelkäse, ist typisch für die Region. Foto: Simone Eber

Der Bleu du Vercors ist ein Aushängeschild der Region und wird schon seit dem Mittelalter hergestellt. Mit seinem milden Geschmack ist der Kuhmilchkäse vielseitig verwendbar – pur, zum Überbacken oder für Soßen – und eine gute Alternative für alle, denen kräftigere Varianten wie der Roquefort zu dominant sind. Der Bleu unterliegt einer geschützten Herkunftsbezeichnung und wird im Vercors von nur neun Bauern produziert, unter ihnen die junge Stéphanie Glasson von der Ferme de la Bourrière. Kompetent schildert die Bäuerin den Herstellungsprozess von der Zugabe der Pilzkulturen bis zur Reifung. „Vom 21. bis 70. Tag nach dem Ansetzen kann der Käse als Bleu du Vercors verkauft werden“, erklärt Stéphanie. „Doch diese Zeitspanne musste ich noch nie ausschöpfen, meistens sind die Laiber bis zum 30. Tag weg.“ Kein Wunder, denken wir beim Verzehr der Probierstückchen. Vielleicht ist der delikate Geschmack nicht nur auf die Käserkunst zurückzuführen, sondern auch auf den guten Umgang mit dem Vieh. Gerade wird es von Stéphanies Mann Anthony von der Weide in den Offenstall getrieben und tummelt sich unter einem Kräuter-Sprühnebel, der lästige Insekten fernhalten soll.

Körperpflege mit Stutenmilch

Auch Mélanie Baras, die wie Stéphanie Mitglied im Verbund Fermes du Vercors ist, hat auf ihrem Reiterhof in Villard-de-Lans das Tierwohl stets im Blick. Neben Reitstunden und einer Pferdepension bestreitet sie ihr Einkommen mit der Produktion von Kosmetikprodukten aus Bio-Stutenmilch. „Wir verwenden nur überschüssige Milch unserer Haflingerstuten, die die Fohlen nicht trinken – das sind etwa fünf Liter pro Tag über ein paar Monate hinweg“, sagt Mélanie. Die gewonnene Milch wird in einem komplizierten Kühlungsverfahren konserviert und meistens direkt am Hof zu Crèmes, Seifen und anderen Pflegemitteln verarbeitet. „Wir verwenden kein Wasser, nur Stutenmilch sowie natürliche Öle und Fette, das macht die Produkte so reichhaltig“, betont Mélanie. In kleinen Dosen verkauft sie Stutenmilch auch als Säuglingsnahrung für allergieanfällige Babies.

 

 

Der Haflingerhof in Villard-de-Lans stellt Pflegeprodukte aus Bio-Stutenmilch her. Foto: Simone Eber

Das Vercors ist eine wasserarme Region. Eine Ausnahme macht da der etwas weiter südlich im Trièves gelegene Lac de Monteynard. Der schmale, etwa 20 Kilometer lange Stausee ist malerisch zwischen Kalkfelsen eingebettet und wird von den Flüssen Ebron und Drac gespeist. Eine Bootstour auf dem türkisgrün schimmernden Lac empfiehlt sich, denn vom Wasser aus lassen sich nicht nur viele Stand-up-Paddler und (Kite-)Surfer entdecken, sondern auch bekannte Gipfel des Hochplateaus wie die Deux Soeurs (2056 m) und der Mont Aiguille (2087 m). Von der Nordspitze geht es dann ans südliche Ende, wo zwei Hängebrücken über die Flusszuläufer des Sees bei Menschen mit Höhenangst schon vom puren Hinschauen Herzklopfen auslösen. Die Passerelle Ebron ist mit 180 Metern die längere von beiden, bis zu 85 Meter beträgt die Höhe über dem See – je nach Wasserstand.
Wer sich hinüberwagen will, kann die Überquerung mit einer kleinen Wanderung verbinden: Vom Seezentrum Treffort geht es auf schattigen Waldwegen mit leichten Steigungen bis zur Ebron-Brücke, dann weiter zur Drac-Brücke und bis zum Campingplatz Savel. Von hier aus bringt ein Boot die Wanderer zurück nach Treffort.

 

Auf 180 Metern Länge und in bis zu 85 Metern Höhe spannt sich die Hängebrücke Ebron über den Lac de Monteynard. Wer sie überqueren will, sollte schwindelfrei sein. Foto: Simone Eber

Panorama-Tour mit Brioche

Nach so viel Bewegung muss auch mal eine Autotour drin sein: Über die typischen Vercors-Dörfer Mens und Clelles steuern wir nach Chichilianne, wo ein Stopp in der Bio-Bäckerei von Yves Pflicht ist. Die Rucksäcke vollgestopft mit noch warmer Brioche, knusprigem Baguette und süßen Rosinenschnecken geht es nun über Trézanne und Gresse-en-Vercors bis zum Pass Serpaton. Auf dem Weg machen wir mehrmals halt, denn der Mont Aiguille ist hier von allen Seiten zu bewundern – und zeigt sich immer wieder in neuer Form: mal spitz, wie der Name (Nadel) sagt, mal als breiter Tafelberg, mal als Dreieck. Und als wir ihn gerade ein bisschen überhaben, wird die Panorama-Tour von einem Traumblick gekrönt. Am Pas du Serpaton erstreckt sich die gesamte Gebirgskette des Naturparks wie auf dem Präsentierteller vor unseren Augen. Ja, wir könnten jetzt noch zu den Funkmasten hinauflaufen und so einen Blick Richtung Osten auf den Lac de Monteynard erhaschen. Doch ganz ehrlich, mit unserem duftenden Proviant und dem Blick auf die französischen Dolomiten sind wir auch so superglücklich.

Diese Ansicht des Mont Aiguille zeigt auch ein traditionelles Vercors-Haus mit Strohdach und treppenförmigem Glockentürmchen. Foto: Simone Eber

ARCD-Reiseservice

Anreise: Um im ländlich geprägten Vercors ­mobil zu sein und regionale Produkte einkaufen zu können, empfiehlt sich die Anreise mit dem Pkw oder Camper. Von Frankfurt/Main nach Villard-de-Lans im nordöstlichen Vercors sind es ca. 800 km. Die Route verläuft zunächst auf der A5 über Freiburg, dann entweder durch die Schweiz via Basel/Genf/Grenoble oder durch Frankreich via Besançon und Lyon.
Einkauf: Die erwähnten Höfe Ferme de la Bourrière und Perle de Jument (Stutenmilch) sind Mitglieder des Verbunds Fermes du Vercors und stellen sich auf der gemeinsamen Website www.fermes-du-vercors.com vor. Bäckerei Eco Pain in Chichilianne: http://eco-pain.blogspot.com/p/blog-page_12.html. Gute Auswahl an regionalen Spezialitäten: Feinkostgeschäft Les Saveurs du Haut Plateau in Autrans, Route de Méaudre.
Unterkunft: Arcanson in Méaudre, gut geführtes Wanderhotel mit Jacuzzi und Sauna im Garten, www.arcanson.com/le-gite.html; Château de Passières in Chichilianne, Schlosshotel mit nostalgischem Charme, aber einfacher Ausstattung, www.chateaudepassieres.fr; Campingplätze am Lac de Monteynard, www.lac-monteynard.com.
Einkehr: Berghütte Refuge Feneys, www.refuge-des-feneys.com; Restaurant Au Sans Souci in Saint-Paul-lès-Monestier, gemütlicher Landgasthof mit schöner Terrasse und Garten, www.au-sans-souci.com.
Wanderführer: Dauphiné West, Bergverlag Rother, 176 Seiten, ISBN 978-3-7633-4334-8, 14,90 €. Erscheint im Juli 2020.
Auskünfte: www.inspiration-vercors.com

Fotos: Simone Eber

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