Kinder gestalten Straßenräume mit

Auf dem ganz neu angelegten Minikreisel malten die Grundschüler eine Sonne direkt auf die Straße in Syke. Foto: Bueffee

In acht Folgen haben wir in unserer Serie "Kinder im Straßenverkehr" unter anderem darüber berichtet, wie die Kleinsten lernen, warum andere Verkehrsteil­nehmer besonders Rücksicht nehmen sollten, wie ­Verkehrserziehung und Schulwegtraining funktionieren und weshalb Sichtbarkeit und sichere Kinderfahrräder so wichtig sind. Die neunte und letzte Folge dreht sich um Projekte, bei denen Kinder und Jugendliche selbst mit­entscheiden und Straßenräume gestalten dürfen.

Verkehrschaos. Eine verstopfte T-Kreuzung. Probleme mit dem Elterntaxi. Konfliktsituationen. Jeden Morgen. Jeden Mittag. Die Lage an der Grundschule am Lindhof in Syke musste sich ändern. Also besuchte Ordnungsamtsleiterin Freya Söchtig ein Seminar von Jens Leven, der das Planungsbüro Bueffee leitet. Eine Schulwegumfrage war die erste Maßnahme. Wo hakt es? Wie können die Probleme gelöst werden? Was wünschen sich Eltern und Kinder?

Als Konsequenz daraus wurde vor ein paar Jahren in der 26000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Bremen ein Kreisverkehr, genauer gesagt ein sogenannter Minikreisel, vor besagter Schule errichtet. Und schon während der Bauphase kam eine Hol- und Bringzone dazu, um den Elternverkehr direkt vor dem Schulgebäude zu verringern. Leven schlug vor, aus dem Kreisverkehr eine Kinderkreuzung zu gestalten. Sprich: Die Grundschüler durften mitentscheiden, planen, malen. „Die Kinder fanden das super, die haben sich da selbst verwirklicht. Sie haben sich Gedanken gemacht und mit dem Thema auseinandergesetzt“, erzählt Freya Söchtig. Das steigert natürlich die Akzeptanz solcher Maßnahmen, wie auch Leven betont: „Es geht nicht darum, dass wir eine Straße planen um des Planens willen, sondern es geht uns um das Lösen von Problemen im Umfeld.“ Und das klappt am besten, wenn man die Leute ins Boot holt, die es betrifft. „Kinder wollen ja auch lernen und an den Straßenverkehr herangeführt werden. Jetzt sagen sie: ‚Das ist unsere Kreuzung, die haben wir bemalt.‘ Dadurch lernen sie auch, wo man queren kann“, erklärt Söchtig. Entstanden ist eine große Sonne mitten im Minikreisel, die den Autofahrern signalisiert, dass hier viele Kinder unterwegs sind. Laut Söchtig hätten sich die Probleme merklich verbessert, auch dank der Hol- und Bringzone. Die meisten Eltern würden diese nutzen.

Mut beweisen

„Das war für uns Neuland, wir mussten auch mutig sein und aushalten, dass viel Gegenwind am Anfang kam. Aber unterm Strich haben wir gar keine Beschwerden mehr an dieser Schule“, sagt Söchtig, die immer die Bürgermeisterin von Syke an ihrer Seite wusste. So kann sie in die Zukunft blicken und Verkehrsprobleme an anderen Schulen in Angriff nehmen. Auch dort sollen die Kinder beteiligt werden. „Es bringt ja nichts, wenn wir ihnen irgendetwas hinsetzen und sie wissen gar nicht, was bedeutet das eigentlich. Das sollen sie ja dann schon leben“, erklärt Söchtig und ergänzt: „Leider ist es so, dass wir die Eltern nicht erreichen, aber die Kinder. Die Kinder sind sehr clever, was den Straßenverkehr angeht. Sie sehen schon, dass sie auch noch ein paar Meter zur Schule laufen können.“

Viel Potenzial

Für Jens Leven und das Büro für Forschung, Entwicklung und Evaluation war es nicht das erste Projekt dieser Art. Er und seine Kollegen lösen häufiger solche Probleme an Schulen – auch unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Ältere Schüler bearbeiten die Themen in Arbeitsgruppen, Projektkursen oder gar als Facharbeit. Je nach Altersgruppe gebe es da viele Möglichkeiten. „Mit einer Oberstufe ist es einfacher, Regelwerke zu wälzen und Gesetzestexte zu lesen, und dann halbwegs umsetzbare Planungsideen zu entwickeln. Es hat viele Potenziale, aber auch entsprechende Grenzen, die in der fachlichen Tiefe und der zeitlichen Verfügbarkeit liegen“, erläutert Leven. Klar sei es leichter Dinge für die Leute zu planen. „Mit den Leuten das zu entwickeln, das ist schon aufwendig, ist auch kommunikativ gar nicht so einfach.“ Anwohner hätten oft Vorerfahrungen mit der Kommune – und nicht immer positive. „Es ist leichter, ohne die Menschen zu planen. Ich halte das aber für einen unfassbaren Fehler. Eigentlich müsste man viel mehr mit den Menschen machen. Dann hat man andere Lösungen, die möglich werden“, sagt Leven, der auch zertifizierter Sicherheitsauditor ist und in Gremien der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e. V. (FGSV) sitzt.

Aus seiner Erfahrung und den Befragungen an fast 200 Schulen bundesweit weiß Leven, dass das Hauptproblem beim Thema Schulweg Überquerungshilfen sind. „Die Ursache ist nicht, dass die Eltern überängstlich sind, sondern dass unsere technischen Regelwerke nicht unbedingt für kinderfreundliche Verkehrsplanung gemacht sind“, erklärt er. Viele Sachverhalte, vor allem zu Kindern auf Schulwegen, seien gar nicht empirisch untersucht, zudem seien die Empfehlungen für Fußverkehrsanlagen völlig veraltet mit Erkenntnissen aus den 1990er-Jahren. Oft fehle es an den Schulen aber an altersangemessenen Überquerungshilfen. „Da würde ich mir wünschen, dass wir ein bisschen nachrüsten in den Bereichen. Wir planen einfach nicht kinderfreundlich genug, und jetzt fällt uns das auf die Füße.“ Wenn die Grundlagen dafür geschaffen wären, würde es vielleicht mehr Menschen geben, die mutig etwas Neues wagen – wie eben in der niedersächsischen Stadt Syke.

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