Zeitenwende in Westfalen

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Zwischen 1751 und 1848 befindet sich das Münsterland im Umbruch. Das Menschenbild in der Gesellschaft verändert sich, Bauern streben nach Freiheit und Herrscher kommen und gehen. Einer bleibt: Freiherr von Stein rettet Familie, Status und Besitz über die Zeiten. Wie das gelingt, zeigt die erste Sonderausstellung des Jahres auf Burg Vischering.

Nur vier Autos stehen auf dem geräumigen Parkplatz, die fünf Busspuren am Rand sind leer, weit und breit keine Menschenseele. Eigentlich strömen an den ersten frühlingshaften Tagen des Jahres Erholungssuchende aus Münster, Dortmund oder Essen zur Burg Vischering – doch auch nach über zwölf Monaten hat Corona uns noch fest im Griff. Nicht einmal der Gesang von Vögeln begleitet den Weg vom Auto in Richtung Schlossanlage. Lediglich ein paar verwitterte Blätter aus dem letzten Herbst knirschen unter meinen Sohlen, während ich Kurs auf Burg Vischering nehme. Die Sonne steht hoch, der Himmel klar, doch es ist immer noch Winter. Eisig pfeift der Wind über das Vorfeld der mittelalterlichen Wehranlage und zwingt mich, kurz den Kopf zu drehen, um Mütze und Schal zu richten. Dabei fällt mein Blick auf die nur wenige Hundert Meter entfernte Renaissanceburg Lüdinghausen. Im Sommer ist die Aussicht vom satten Grün der wie mit dem Lineal in die Landschaft gezogenen Alleen verstellt. Jetzt wird dagegen deutlich, was Gerhard von der Mark – seines Zeichens Bischof von Münster – vor 750 Jahren bezweckte: Den aufbegehrenden Brüdern Hermann I. und Bernhard zu zeigen, wer im Reich das Sagen hat. Hatten die beiden Ritter von Lüdinghausen doch kurz zuvor und ohne Einverständnis des Bischofs mit Burg Wolfsberg eine weitere Wehranlage errichtet.

Um der Loyalität der Untertanen auf die Sprünge zu helfen, errichtete von der Mark im Jahr 1271 auf einer 80 Meter langen Sandinsel der Stever die Zwingburg Vischering. Obwohl in den letzten sieben Jahrhunderten immer wieder modernisiert und schließlich zu einer modernen Wohnburg umgestaltet, hat sich das Anwesen seinen wehrhaften Charakter erhalten und gilt heute als der Inbegriff einer münsterländischen Wasserburg. Zu Recht, wie ich schon auf Entfernung feststellen kann. Verspielte Steinmetzarbeiten an der in den Burgteich reichenden Auslucht, romantisierende, in frischem Weiß und Rot gehaltene Fensterläden und ein märchenhafter Treppenturm – auch Hanns Teichert hätte das Ensemble nicht stimmiger komponieren können.

Keine Frage, Burg Vischering hat sich einen zentralen Platz im Münsterland erhalten. Auch wenn ruhmreicher Adel längst bürgerlichen Festivitäten gewichen und Kriegsgerät vom Münsterlandmuseum verdrängt wurde. Knapp 10 Mio. Euro war die Burganlage dem Landkreis Coesfeld zuletzt Wert, um den geschichtsträchtigen Ort zu einem modernen Platz für Kunst, Kultur und Begegnung zu schaffen. Damit existiert der richtige Rahmen, um ein attraktives Festjahr zum 750. Jubiläum abzuhalten.

 

 

Erster Programmpunkt des Festjahres ist die Sonderausstellung „Zeitenwende – Freiherr vom Stein und die Westfalen“. Sie kann, so Corona es zulässt, bis 30. Mai 2021 besucht werden. Vorbei am modern gestalteten Kassenbereich geht es erst einmal über Eichenstiegen ins Obergeschoss der Burg. Dort fällt der Blick zunächst auf ein Ölgemälde, das den Freiherrn Karl vom und zum Stein zeigt, während seiner Zeit als preußischer Finanzminister. Nur eine der zahlreichen herausragenden Stationen im Leben des eigenwilligen Staatsmannes. Stoff für eine überfrachtete Schau wäre also vorhanden. Doch beim Eintritt in den ersten Ausstellungsraum wird schnell klar: Zu Ehren des Modernisierers wurde ein zeitgemäßes Konzept gewählt. So mutet der hochwertig sanierte Dachstuhl der ehemaligen Ritterburg an wie der Bildschirm eines Smartphones. Die handverlesenen Exponate, darunter die einzige offizielle Ausgabe des Code Napoléon für das Großherzogtum Berg, sind dezent angerichtet und lassen sich Raum – wie die Apps auf dem Desktop.

Gezeigt wird das Leben eines unangepassten Politikers, der seinen eigenen Kurs haltend um keinen Seitenwechsel verlegen war. Trotzdem oder deshalb suchten Könige und Kaiser seinen Rat. So wurde Freiherr vom und zum Stein Wegbereiter der Aufklärung, Held der Revolutionäre und gleichzeitig Schlüsselfigur der Restauration. Er steht für den Wandel des Adels, Befreiung der Bauern, Aufstreben des Bürgertums und die Sinnlosigkeit militärischer Besatzung.

Deshalb ist Freiherr von und zum Stein heute ebenso untrennbar mit der Geschichte Westfalens verbunden wie die Burg Vischering. So gerät die unprätentiöse Schau Zeitenwende zu einem brillanten Auftakt des Festjahres in Lüdinghausen – und ist einen Besuch wert. Da Reisebeschränkungen zu Pandemiezeiten die Möglichkeiten für eine Visite in den historischen Gemäuern minimieren, wurde ein virtuelles Abbild der Sonderausstellung eingerichtet. So lässt es sich auch vom heimischen Sofa zwischen filigranem Porzellan umherstreifen. Dabei muss zwar auf den leckeren, mit frischer Schlagsahne ausgestalteten Eisbecher im Schlosscafé verzichtet werden. Dafür entfällt der Weg zum Auto, der für mich im strömenden Regen und ohne Schirm nicht weniger lang erscheint als die Karriere des Freiherren.

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