Unfallforschung: Drei Aspekte zur Verkehrssicherheit, über die es sich nachzudenken lohnt

Foto: stock.adobe.com/phanuwatnandee

Die zunehmende Entwicklung hin zum assistierten und immer stärker automatisierten Fahren ist in den zurückliegenden Jahren klar erkennbar. Und wird sich weiter fortsetzen. Dies machte Mitte März der Präsident der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI), Prof. Dr. Walter Schober, als Gast­geber der 14. crash.tech gleich zu Beginn des Kongresses klar. Damit alleine dürfe man jedoch nicht die Hoffnung auf vollkommen risikofreies Fahren gleichsetzen. Auch die weitere Verbesserung der passiven Fahrzeugsicherheit zum Schutz von Fahrzeuginsassen und anderen Verkehrsteilnehmern sei nach wie vor unverzichtbar.

Deshalb treffen sich Experten aus Forschung und Entwicklung, Industrie, Behörden und Verbänden regelmäßig, um darüber zu beraten, mit welchen Maßnahmen sich die ­Sicherheit im Straßenverkehr weiter verbessern ließe. Wir ­haben uns auf der crash.tech 2018 umgehört und drei Aspekte zur Verkehrssicherheit mitgebracht, über die es sich nachzudenken lohnt.

Vision Zero - mehr als nur null Verkehrstote

In der Zukunft soll niemand mehr im Straßenverkehr getötet oder so schwer verletzt werden, dass er sein restliches Leben lang an den Folgen eines Verkehrsunfalls zu leiden habe. So lässt sich die so genannte Nullvision, die Vision Zero, in einem Satz zusammenfassen. Ende der 1990er-Jahre wurde dieses Konzept in Schweden erstmals auf den Straßenverkehr ­übertragen. Prof. Dr. Claes Tingvall, ehemaliger Direktor des schwedischen Zentralamts für Verkehrswesen Trafikverket und gleichsam „Vater“ der Vision Zero auf der Straße, betont, dass es darum gehen müsse, das gesamte Verkehrssystem an menschliches Verhalten anzupassen: „Der Mensch macht Fehler, auch vorsätzlich. Unsere Aufgabe ist es, dass dabei ­keiner zu Tode kommt. Deshalb müsse sowohl an der aktiven wie passiven Fahrzeugsicherheit, aber auch an der Ausgestaltung der Verkehrsinfrastruktur sowie an Verkehrsregeln
und Sanktionen für Verkehrsvergehen gearbeitet werden.

Die Vision Zero begreift Tingvall inzwischen aber nicht mehr nur als das anspruchsvolle Ziel von null Verkehrstoten. „Wir müssen verschiedene Qualitäten der Mobilität miteinander kombinieren. Es geht um umfassende und globale ­Nachhaltigkeit“, sagt Tingvall. Die Null müsse deshalb auch in vielen anderen Bereichen das Ziel sein: kein Rückgriff mehr auf fossile Ressourcen, saubere Luft, Lärmreduzierung und null Zugangshindernisse zur Mobilität der Zukunft für jedermann. Die dahingehende Entwicklung werde, unterstützt durch moderne Telematik-Technologien, ganz klar von den großen Städten ausgehen, ist Tingvall überzeugt.

Foto: stock.adobe.com/Miredi

Ältere Verkehrsteilnehmer haben es schwer

Lediglich die Verkehrsopfer im Straßenverkehr zu zählen, greift zu kurz. Diese Meinung vertritt Henrik Liers von der TU Dresden. Der Verkehrsunfallforscher beschäftigt sich mit den Unfalleinfluss­faktoren und -folgen bei älteren Verkehrsteilnehmern und mahnt: „Die Unfälle gehen nicht wirklich zurück.“ Tatsächlich lassen die vor­läufigen Zahlen für 2017 aufhorchen. Nicht einmal um ein Prozent hat sich die Zahl der Getöteten im Vergleich zum Vorjahr verringert. ­Alarmierender ist jedoch ein anderer Trend: Seit 2015 steigt die Zahl der Verkehrsunfälle insgesamt von Jahr zu Jahr auf nun rund 2640000. Mit verantwortlich für diese hohe Zahl sei das Verkehrsunfall­geschehen bei älteren Verkehrsteilnehmern. Durch Forschungen ­gemeinsam mit der Medizinischen Hochschule Hannover habe sich herauskristallisiert, dass Älteren im Straßenverkehr durch Sicht­behinderungen oder Blendungen häufig der Zugang zu notwendigen Informationen erschwert werde. Informationen, die die Grundlage für verkehrssicheres Verhalten liefern sollten. „Angesichts des demografischen Wandels gewinnen ältere Menschen aber zunehmend an Bedeutung, die Gesellschaft wird immer älter“, sagt Liers. „Maßnahmen zur Unfallvermeidung helfen diesen Menschen am allerbesten.“ Häufig sei die notwendige Information grundsätzlich ­vorhanden, bestätigt Dr. Stefanie Weber vom Universitätsklinikum ­Regensburg, die sich mit Ursachen bei Unfällen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern beschäftigt. „Die wurden dann aber nicht ­adäquat wahrgenommen. Aufgrund der vorhandenen Infos hätte der Unfall aber vermieden werden können.“ Ältere Verkehrsteilnehmer passen ihr Verhalten in der Regel zwar recht gut an ihre persönlichen Fähigkeiten an. Dennoch kommt es vor allem beim Abbiegen, Queren oder Wenden zu kritischen Situationen. Hier muss dafür Sorge getragen werden, dass den Menschen alle für ein sicheres Handeln notwendigen Informationen zur Verfügung stehen können. Und nicht etwa durch ungünstige Streckenführungen, bauliche ­Maßnahmen oder geparkte Fahrzeuge die Sicht auf die entscheidenden Details versperrt wird.

Foto: stock.adobe.com/lettas

Unfälle mit schweren Lkw

Seien Sie ehrlich: Überkommt Sie ein ungutes Gefühl, wenn Sie schwere Lkw über zwölf Tonnen zulässiger Gesamtmasse (Klasse N3) mit osteuropäischen Kennzeichen über­holen? Technisch nicht in Ordnung, bestimmt überladen, ­Fahrer übermüdet, rollende Risiken, so die gängigen Klischees. Dass diese Auffassung nicht unbedingt den Tatsachen entspricht, berichtet Dr. Axel Malczyk von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zumindest für ­seinen Forschungsbereich: „Auf ­brandenburgischen Autobahnen sind ausländische N3-Lkw als Unfallverantwortliche nicht überrepräsentiert.“ Und das, obwohl sie über die Hälfte des Schwerlastverkehrs in Brandenburg ausmachten.
Und auf einen weiteren Aspekt macht Malcyk aufmerksam. So sei die Ausstattung der Fahrzeuge mit Notbremsassistenten zwar wichtig und richtig, aber auch das hintere Ende der Lkw verdiene verstärkt Beachtung: „Der Unterfahrschutz am Heck muss verbessert werden“, mahnt der UDV-Experte. „Nicht nur Auffahrunfälle durch die schweren Lkw sind ein Problem, sondern auch Auffahrunfälle auf diese Lkw.“ Bei ­einer Untersuchung von 145 Unfällen mit N3-Lkw seien häufiger Fahrzeuge in deren Heck gekracht, als dass die Lkw ihrerseits Auffahrunfälle verursacht hätten.

Foto: stock.adobe.com/phanuwatnandee
Notruf
Ihre ARCD Notfall Rufnummer:

Aus dem Inland:

0 98 41 / 4 09 49

Aus dem Ausland:

+49 98 41 / 4 09 49

24 Stunden erreichbar.

Für Sie erreichbar

Für alle Fragen rund um die ARCD Mitgliedschaft steht Ihnen unser Service-Team in der ARCD Clubzentrale (Montag bis Freitag von 08.00 bis 19.00 Uhr und an Samstagen von 09.00 bis 14.00 Uhr) gerne zur Verfügung.

0 98 41 / 4 09 500

Fax: 0 98 41 / 4 09 264
E-Mail: info@arcd.de