Sichtschutzwände gegen Schaulustige

Der Aufbau der Sichtschutzwände ist simpel und schnell. Foto: Jessica Blank

Schaulustige gab es vermutlich schon immer. Doch in Zeiten von Smartphones sind Gaffer, die ­Fotos und Videos von Verkehrs­unfällen machen und diese direkt online stellen, ein echtes Problem. Abhilfe schaffen spezielle Sichtschutzwände, die

derzeit in Bayern getestet werden und auch in anderen Bundes­ländern bereits im Einsatz sind.

 

Ein kleiner Auffahrunfall auf der Autobahn – und schon stockt der Verkehr, weil viele die Köpfe drehen, um zu sehen, was passiert ist. Je schlimmer der Unfall, desto größer die Schaulust. Und desto schneller wird das Handy gezückt. „Gegafft worden ist schon eh und je“, sagt Ronnie Seuß, Leiter der Autobahnmeisterei Münchberg an der A9. „Das Problem ist aber erst richtig aufgekommen durch Smartphones, mit denen alles gefilmt und fotografiert und gleich ins Internet gestellt wird.“ Um das zu verhindern, läuft in Bayern seit August 2017 ein Pilotprojekt mit Sichtschutzwänden. Zwei Autobahnmeistereien sind beteiligt: Herrieden an der A6, wo durch den starken Lkw-Verkehr immer wieder schwere Unfälle passieren, und eben Münchberg. „Münchberg ist bekannt für sehr schwere Unfälle“, erzählt Seuß und erinnert an die Massenkarambolage in der Münchberger Senke im Jahr 1990.

Positive Bilanz

Nach dem ersten Projektjahr  kann Oberstraßenmeister Ronnie Seuß eine positive Bilanz ziehen. Sechsmal waren die Sichtschutzwände im Einsatz. „Wir haben beobachtet, dass der Verkehr flüssiger läuft, wenn die Wand steht“, sagt er. Ob diese aufgebaut wird, entscheidet die Polizei je nach Schwere des Unfalls und Länge der Aufräumarbeiten. Dauert der Einsatz voraussichtlich länger als drei Stunden, wird die Sichtschutzwand bei der Autobahnmeisterei angefordert.

Und dann rücken Seuß‘ Männer an mit einem System, das so simpel wie effektiv ist. Erfunden und hergestellt im beschaulichen mittelfränkischen Örtchen Breitenau, ganz in der Nähe der ARCD-Clubzentrale in Bad Windsheim. Doch der eigentliche Zweck war ein anderer: Sanitär- und Heizungsbaumeister Werner Wagner hatte sich schon lange auf mobile Luxus-Toiletten und Sanitäranlagen spezialisiert. Dafür wurde der Sichtschutz ursprünglich konzipiert.

System mit Clou

Da Wagner seit 18 Jahren die Radltour des Bayerischen Rundfunks mit seinen Anlagen  begleitet, wurden Polizei und Sicherheitsleute auf den Sichtschutz aufmerksam. „Als der Lkw in Berlin in den Weihnachtsmarkt gefahren ist, wurde alles mit einem einfachen Bauzaun mit Plane abgeschirmt“, erzählt Wagner. Ihm fiel ein, dass er das Kernprodukt ja schon seit Jahren hat. Also fing er an, zu tüfteln.
Herausgekommen ist ein System, das ebenfalls aus handelsüblichen Bauzäunen besteht, bespannt mit einem winddurchlässigen, aber blickdichten Netz. Der Clou ist ein Klettverschluss, der die Zwischenräume verdeckt. Rutschfeste Füße sorgen für Standhaftigkeit bei höheren Windstärken. Wagner vermarktet je 44 Elemente auf einem eigens dafür gefertigten Anhänger, wo alles seinen festen Platz hat. „Es ist keine Ladungssicherung notwendig. Bordwand runter und los geht’s“, erklärt er. Auch der Anhänger selbst ist durchdacht. Etwa 2500 Kilogramm schwer, lässt er sich mit einer breiten Vielfalt an Zugfahrzeugen bewegen. Zudem ist er schmal gebaut, damit er durch die Rettungsgasse passt.

Das handliche Paket wissen auch die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei Münchberg zu schätzen. „Bei der Handhabung wurde sich schon Gedanken gemacht“, lobt Seuß. Im Prinzip könnte einer alleine die 100 Meter – dafür reichen die Elemente auf dem Anhänger – lange Sichtschutzwand aufbauen. „Aber ein Mann tut sich schon hart“, sagt der Oberstraßenmeister. „Wenn ein paar Rettungskräfte mit anpacken, geht das innerhalb von zehn Minuten.“ Auch dabei hat sich Wagner etwas gedacht: „Es ist wichtig, dass das System jeder beherrscht – auch freiwillige Einsatzkräfte.“ So einfach wie der Aufbau ist die Erscheinung. Die grauen Wände fallen kaum auf. „Das nimmt der Autofahrer nicht mehr wahr“, erklärt Wagner. Darin würden laut Seuß manche Rettungskräfte aber ein Problem sehen. „Vereinzelt haben Rettungskräfte gesagt, dass sie sich hinter der Wand nicht so sicher fühlen wie ohne, weil sie den Verkehr nicht beobachten können“, berichtet Seuß. Die Wände bieten keine Schutzfunktion, eben nur Sichtschutz. Nur nicht gegen Lkw-Fahrer mit hohen Führerhäusern, die über die 2,10 Meter hohen Wände blicken können. Diese wurden trotzdem noch beim Filmen beobachtet. Doch wenn die Wände höher wären, würde darunter die Standfestigkeit leiden. Damit der Windsog sie nicht umbläst, wird der vorbeifahrende Verkehr auf der gleichen Fahrbahn sowieso auf 60 km/h begrenzt.

Autobahnmeistereien ausstatten

Auf der Strecke zwischen der Landesgrenze Bayern/Thüringen bis zum Autobahndreieck Bayreuth/Kulmbach sowie auf der A6 bei Herrieden läuft das Pilotprojekt noch bis August nächsten Jahres. Währenddessen verkauft Wagner sein europaweit patentiertes Produkt bereits in anderen Bundesländern. Ohne Probephase hat Baden-Württemberg gleich 16 Anhänger für alle Autobahnmeistereien bestellt und direkt in Betrieb genommen. Auch weitere Bundesländer haben bereits das Stopview genannte System in Mittelfranken geordert. Vom Bund werden dafür Mittel zur Verfügung gestellt. „Ziel ist, dass alle Autobahnmeistereien ausgestattet sind, um das Netz enger zu spannen und die Anfahrt zu verkürzen“, sagt Wagner.

Schön wäre es natürlich auch, wenn manche Verkehrsteilnehmer nicht nur durch Sichtschutzwände vom Gaffen und Filmen abgehalten würden. Sondern von gesundem Menschenverstand.

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