Seelsorger begleiten Einsatzkräfte

Feuerwehrmann Rainer Weiskirchen legt viel Wert auf die Psychosoziale Notfallversorgung. Foto: Jessica Blank

Bei einem Verkehrsunfall lasten die schlimmen Bilder nicht nur Betroffenen und Zeugen schwer auf der Seele. Auch die Einsatzkräfte müssen diese verarbeiten. Doch wer hilft ­eigentlich den ­Helfern? Zwei Seelsorger und ein Feuerwehrmann erzählen.

Einen Einsatz werden Rainer Weiskirchen und ­se­ine Kameraden vermutlich nie vergessen. Ein Verkehrs­unfall, bei dem vier Jugendliche tödlich verunglückt sind. Der damalige Einsatzleiter bemerkte die Belastung seiner Feuerwehrleute und alarmierte über die Leitstelle auch die ehrenamtlichen Helfer der Seelsorge. „Ich habe das Glück, mit solchen Bilder umgehen zu können. Aber es ist sehr wichtig, dass wir auf die Fachleute der Seelsorge zurückgreifen können“, erzählt Rainer Weiskirchen, der nicht nur Pressesprecher der Feuerwehren im Landkreis Neustadt an der Aisch – Bad Windsheim, sondern selbst seit 37 Jahren Feuerwehrmann ist.

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) teilt sich in zwei Bereiche: die Notfallseelsorge, die Betroffene betreut, und die Seelsorge, die Einsatzkräfte begleitet. Johanna Mein­zinger-Stegmeier hat eine Ausbildung für beides abgelegt und ist ehrenamtlich für die PSNV im Landkreis Kitzingen tätig. Wenn sie mit ihren Kollegen zu einem Einsatz gerufen wird, entscheiden sie vor Ort, für wen sie zuständig ist. Eine Konstellation aus Einsatzkräften, Betroffenen, Zeugen, Angehörigen oder scheinbar Unbeteiligten, die wegen der  Szenen Hilfe benötigen könnten, macht die Situation so verzwickt. „Wir werden oft nachalarmiert, wenn jemand verstorben ist, bei Großschadenslagen oder Bahnunfällen“, sagt die Ehrenamtliche, die gleichzeitig Feuerwehrfrau ist.

Leben mit Piepser

Auch für Hanjo von Wietersheim ist „das Leben mit Piepser sowas von normal“. Der evangelische Pfarrer en­gagiert sich ebenfalls in der Psychosozialen Notfallversorgung und in der Feuerwehr. „Falls Feuerwehrleute betroffen sind, schicken wir gerne bevorzugt PSNV-Kräfte, die selbst in der Feuerwehr sind“, erklärt er. Denn gerade mit sogenannten Peers, also Kameraden, die auch in einer Rettungs­organisation aktiv sind, spreche es sich leichter. „In manchen Situationen ist es ein einziger Satz, der ein Gespräch hervorruft“, bestätigt auch Johanna Meinzinger-Stegmeier.
„Früher herrschte bei der Feuer­wehr das Harte-Kerle-Prinzip“, erinnert sich Rainer Weiskirchen. Das kennt er selbst noch aus seiner Anfangszeit bei der Fürther Berufsfeuerwehr. „Aber das hat sich seit ein paar Jahrzehnten geändert.“ Damals sei man gar nicht auf die Idee gekommen, dass solche Unglücke einen nachhaltig belasten können. „Da hat man es halt in sich reingefressen“, wirft der Feuerwehrmann salopp in den Raum.

Diese Erfahrung haben auch die Seelsorger gemacht. Die Psychosoziale Notfallversorgung gibt es in Deutschland erst seit etwa 30 Jahren. Hanjo von Wietersheim – übrigens gelernter Polizist – war von Anfang an mit dabei. „Ältere Einsatzkräfte sagen oft, dass sie das früher gerne gehabt hätten“, erzählt Johanna Meinzinger-Stegmeier. Bei regelmäßigen Schulungen sensibilisieren die Seelsorger die Feuerwehr-Kommandanten für ihre Arbeit. „Langjährige Beziehungen sind für die Einsatzkräfte wichtig, das gibt Vertrauen“, sagt er. Evangelische und katholische Seelsorger arbeiten eng mit den Rettungsorganisationen zusammen und sind gut miteinander vernetzt. „Gerade die jungen Führungskräfte achten darauf, dass ihre Leute gesund bleiben“, erklärt Johanna Meinzinger-Stegmeier. Viele sind damit aufgewachsen, denn die Seelsorger stellen sich schon bei der Jugendfeuerwehr vor. „Sie sollen wissen, dass es uns gibt.“

Auf die Psyche achten

„In meiner Ausbildung war das immer Thema“, erzählt Rainer Weiskirchen. Schon wenn er mit seinen Kameraden zum Einsatz ausrückt, klärt er ab, wem es vielleicht an diesem Tag nicht so gut geht oder wer Stress in der Arbeit hatte. „Schon da muss man sich ein Bewusstsein schaffen für die Psyche derer, die rausfahren.“ Und wenn jemand mal nicht so gut drauf ist, übernimmt er eben Aufgaben wie die Absicherung der Unfallstelle. „Es muss nicht immer ein dramatischer Unfall sein. Aber es gibt Konstellationen, die stark Einfluss auf die Psyche eines Einzelnen nehmen“, weiß der Feuerwehrmann. Die Situation des Opfers, Gerüche oder Geräusche. „Ein vermeintlich einfacher Einsatz kann einen Menschen belasten.“

Wenn der Kommandant merkt, dass einer nicht mehr redet, schrillen die Alarmglocken. „Man kennt ja seine Kameraden“, sagt Rainer Weiskirchen. Dann kommt die Seelsorge zum Einsatz. „Das Zuhören und Auffordern, Gedanken zu formulieren, kann schon viel bringen.“ Durch das Aussprechen schiebe man die Situation schon ein Stück beiseite, „wie ein Buch, in dem man blättert, und es dann wegschiebt“.
Bei der Feuerwehr hat es Tradition, dass sich die Kameraden nach einem Einsatz zusammensetzen und reden. In besonders schwierigen Situationen kommen auch die Seelsorger dazu. Doch ihre Arbeit beginnt bereits am Unfallort. Wenn die psychologischen Helfer eintreffen, ist der Einsatz bereits in vollem Gange. Der größte Teil an lebensrettenden Maßnahmen ist schon abgeschlossen. Zeit, mit den Einsatzkräften ins Gespräch zu kommen.

Weitere Begleitung

Johanna Meinzinger-Stegmeier und Hanjo von Wietersheim gehen da behutsam vor. Treten mit kleinen Süßigkeiten an die Rettungskräfte heran, um den Kontakt herzustellen. „Bei der Begleitung von Einsatzkräften ist es von Vorteil, wenn sie uns schon vorher kennen“, sagt der Landesbeauftragte der evangelischen Kirchen für Notfallseelsorge in Bayern. Im Gegensatz zur Betreuung der Betroffenen, wo die Notfallseelsorger mit völlig unbekannten Situationen konfrontiert werden.

Nach den Einzelgesprächen vor Ort können weitere auf der Wache erfolgen. „Wenn es den Einsatzkräften weiterhin nicht gut geht, bieten wir Strukturierte Nachbesprechung an“, erklärt Hanjo von Wietersheim. „Manchmal trifft’s einen mit Verzögerung“, weiß Rainer Weiskirchen. „Die Leute funktionieren und verdrängen die Bilder. Die können dann im zweiten Schritt durchkommen.“
Wenn es nach mehreren Gesprächen mit den Seelsorgern nicht besser wird, müssten die Betroffenen in ärztliche Behandlung. Wichtig sei auch, die Angehörigen der Helfer mit einzubinden, meint Hanjo von Wietersheim. „Denn die Einsatzkräfte gehen danach als anderer heim.“ Rainer Weis­kirchen bestätigt: „Ich finde die Seelsorge eine sehr sinnvolle Tätigkeit, da es einen Angebotscharakter hat und kein ­Automatismus ist.“

Doch wie wird man eigentlich Seelsorger? Könnten das nicht Psychologen machen? „Die müssten ja bezahlt werden, dafür gibt es keinen Kostenträger“, erklärt Hanjo von Wietersheim. Studien der LMU München haben ergeben, dass die Seelsorge „nicht schädlich für die Einsatzkräfte“ sei. „Das ist psychologisch gesehen nicht schlechter als Tiefenpsychologie“, meint der Pfarrer. Dennoch wird die Seelsorge ehrenamtlich von Kirchen und Rettungsorganisationen getragen. Obwohl die Seelsorger auf Freiwillige angewiesen sind, kann nicht jeder, der möchte, diese Arbeit machen. „Wenn wir wohinkommen, sind das keine lustigen Einsätze. Dann ist meist jemand gestorben“, sagt Hanjo von Wietersheim. Bewerber müssten Stress aushalten und sehr strukturiert arbeiten können. Sie durchlaufen mehrere Gespräche mit der Führungsgruppe. Zu Beginn wird festgestellt, wie sie mit den Situationen und der Alarmierung klarkommen. Es folgt eine zweijährige Probezeit. Und selbst danach können die Ehrenamt­lichen jederzeit aussteigen.

50 bis 70 Einsätze

Auch die Seelsorger müssen auf ihre psychische Gesundheit achten. „Es gibt immer die Möglichkeit für Einzelgespräche unter Fachleuten“, sagt der Seelsorger. Hinzu kommen Teambesprechungen und regelmäßige externe Supervisionen. Trotz der oft schwierigen Situationen, die die Seelsorger meistern müssen, haben sie keine Nachwuchssorgen. 20 Ehrenamtliche arbeiten in der PSNV im Landkreis Kitzingen. 3000 Mitarbeiter sind es in Bayern. Betreuung von Betroffenen und Begleitung von Einsatzkräften zusammengezählt, kommen die Ehrenamtlichen  im Kreis Kitzingen im Jahr auf 50 bis 70 Einsätze. Auch wenn die Arbeit der Seelsorger kostenlos ist, Rainer Weiskirchen und seine Kameraden von der Feuerwehr Hagenbüchach freuen sich, dass sie nur selten davon Gebrauch machen müssen.

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