Nationalpark Bayerischer Wald – Einsatz mit Leidenschaft

woidlife photography/Marco Felgenhauer

Klar, der eigentliche Star im ältesten Nationalpark Deutschlands ist die Natur. Doch fast genauso wichtig sind Menschen, die einen solchen Titel mit Leben füllen und andere mit ihrer ­Begeisterung anstecken. Wir haben vier leidenschaftliche Bayerwäldler getroffen.

Leidenschaft für Pilze

Als ich an diesem Morgen bei Dauerregen in den Parkplatz am Zwieselerwaldhaus einbiege, steht Heinrich Holzer schon bereit, um mich zur Pilzexkursion mitzunehmen. Zunächst entschuldigt er sich für sein Auto. Der alte, zerbeulte Kombi riecht nach dem feuchten Hund im Kofferraum und nach Pilzen. Zudem ist er vollgestopft mit allerlei technischem Equipment. Doch auf dem Beifahrersitz ist noch ein Platz für mich frei.

Während wir mit angelaufenen Fensterscheiben über die Waldwege rumpeln, erzählt mir der gebürtige Münchner, wie es ihn in den Bayerischen Wald verschlagen hat. In der Landeshauptstadt belegte Holzer im Verein für Pilzkunde Lehrgänge und wurde Sachverständiger der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft. Richtig Fahrt kam in seine „Pilz-Karriere“, als der gelernte Hochfrequenztechniker frühzeitig in Rente ging und mehr Zeit für sein Hobby hatte. So kam er in den Bayerischen Wald, der mit seinem kühlen, nährstoffarmen Klima ein Dorado für die Fadengewächse ist. Und blieb irgendwie hängen.

Pilzexperte Heinrich Holzer zeigt den Bergporling, den "Killerpilz der Tanne"

Heute betreibt Heinrich Holzer eine Pilz-Forschungsstation in Rabenstein bei Zwiesel und ist regionaler Beauftragter des Giftnotrufes München für den Bayerischen Wald. Doch wie kam es eigentlich zu seiner Leidenschaft? Er habe die Pilze schon als Kind „an Vaters Hand“ kennengelernt, sagt Holzer, und erinnert sich an ihre Bedeutung in der Nachkriegszeit: Als Eiweißlieferant und „Fleisch des Waldes“ wurden sie von der Großmutter frisch zubereitet oder getrocknet.

Wer sich von einem Waldgang mit dem Experten aber Geheimtipps fürs Schwammerl-Suchen erwartet, wird enttäuscht: „Ich veranstalte keine Pilzpirschen, sondern Exkursionen für interessierte Laien. Einzelne Exemplare nehmen wir nur als Anschauungsmaterial für das Labor mit.“ Über kommerzielle Anbieter, die „den Wald leerräumen“, kann sich Holzer sogar richtig aufregen. Ihm geht es um die Funktion der Pilze im Lebensraum Wald. Rund um den Urwalderlebnisweg im Hans-Watzlik-Hain findet er dafür treffende Bilder und viele Beispiele.

Da sind zum einen die „Helferpilze“ wie Pfiffer, Stein- oder Fliegenpilz, die den Bäumen Wasser und Salz zuführen und von ihnen dafür die Fotosyntheseprodukte erhalten. Viel spannender sind für Holzer aber die „Aufräumpilze“, mit deren Hilfe Totholz, Nadeln und Blätter so zersetzt werden, dass sie von Bakterien und Kleinst-lebewesen im Lauf von Jahrzehnten in Humus verwandelt werden können. Als Beispiel zeigt er mir den Bergporling, den „Killerpilz der Tanne“: „Noch Jahre, nachdem der Baum tot ist, kann er an seinen Wurzeln in Erscheinung treten“, erklärt der Mykologe.

Bevor mich Heinrich Holzer zu meinem Auto zurückbringt, komme ich noch mal auf die Speisepilze zurück: Welche Zubereitung empfiehlt der Experte? „Ohne Fett anbraten, sparsam würzen und die Sorten mischen“, rät der 68-Jährige. „Oder ein Carpaccio von in hauchdünne Scheiben geschnittenen Steinpilzen mit Vinaigrette, dafür zahlt man in Spitzenrestaurants viel Geld.“

Leidenschaft für Glas

Wie Heinrich Holzer ist auch Magdalena Paukner in ihrer Leidenschaft von der Familie beeinflusst: Vater und Großvater waren Glasschleifer. Doch ihr Plan, an der Glasfachschule in Zwiesel eine Ausbildung zu machen, stieß auf wenig Begeisterung. „Mach des jo nit“, hieß es mit Blick auf den wirtschaftlichen Niedergang des klassischen Glasgewerbes im Bayerischen Wald. Doch Magdalena ließ sich nicht beirren und lernte insgesamt fünf Jahre lang Glasbildnerin und Glasmacherin: „Ich war einfach fasziniert vom Werkstoff und dem hohen Schwierigkeitsgrad der Arbeit“, sagt sie. Nach weiteren fünf Jahren als Assistentin eines Nürnberger Glaskünstlers und dem Meistertitel kehrte sie zurück in die Heimat und machte sich selbstständig. Ich treffe die 32-Jährige in ihrem Bauernhäuschen in Lindberg. Der Empfang ist so frisch und natürlich wie ihre Kunstwerke, die ich schon vorab auf ihrer Website bewundert habe: Magdalena geht gleich zum „Du“ über, bietet Tee an und erzählt über sich und ihre Vorlieben, bevor sie mich ins Atelier führt. Ihre Liebe zur Natur schlägt sich in ihren Schmuckstücken nieder. Früchte, Blumen und Insekten zieren Ketten, Ohrringe und Armbänder – und das in einem unglaublichen Farb- und Detailreichtum.

Glaskünstlerin Magdalena Paukner in ihrem Atelier in Lindberg.

Die winzigen Chilis, Holunderbeeren – oder auch mal ein Borkenkäfer – werden aus geschmolzenen Glasstäben in unterschiedlichen Farben und Größen hergestellt und in zeitaufwändiger Feinarbeit mit Zangen in Form gebracht. Während Magdalena Paukner die verspielten Schmuckstücke ihrer „Wald&WiesenKollektion“ zu Hause herstellt, mietet sie sich zur Produktion von Tellern, Schüsseln, Vasen und Gläsern in verschiedene Glashütten ein. Die Arbeit am Glasofen mit dem geschmolzenen Material, seine vom Hitzegrad abhängige Konsistenz und der damit verbundene Zeitdruck machen für sie den besonderen Reiz des Handwerks aus. Dabei scheut sie keine Schwierigkeit: Ihre kolorierten Gläser sind z. B. in Innenüberfang-Technik hergestellt. Dabei wird intensiv eingefärbtes Glas mit Kristallglas überzogen und in Ringmontage, d. h. in heißem Zustand, verbunden.

Ein eigener Glasofen und ein Verkaufsraum sind die nächsten Projekte der jungen Glasmacherin, die sich vor allem über ihre Website und über Ausstellungen vermarktet. Bisheriger Höhepunkt ihrer Laufbahn: Die Gestaltung einer Großskulptur für die „Gläsernen Gärten“ in Frauenau. Dort wächst jetzt beim Glasmuseum in Gesellschaft von Werken bekannter Glaskünstler „Das Urkraut“ aus der Erde.

Leidenschaft für die Wildnis

Auf 240 Quadratkilometern erstreckt sich Deutschlands ältester Nationalpark im Osten Bayerns. Um die Faszination des Schutzgebiets den Besuchern näher zu bringen, bedarf es vieler Ehrenamtlicher. So wie Markus Graf, einer von rund 60 Waldführern, der regelmäßig Fortbildungen besucht und am Wochenende seine Freizeit opfert. Heute trifft Markus „seine“ Gruppe am Nationalpark-Zentrum Lusen, um sie auf dem zirka dreieinhalb Kilometer langen Rundweg um das Tierfreigehege im Gebiet von Neuschönau zu begleiten. Eine zweite, ungefähr gleich lange Tour führt bei Altschönau zu weiteren Gehegen mit anderen Tierarten.

Eine Besonderheit am Freigehege ist, dass dort nur Tiere gehalten werden, die einmal im Bayerischen Wald heimisch waren oder es heute noch sind. Eine weitere, dass kein „Anspruch“ auf die Sichtung der Bewohner besteht und dass in Bezug auf ihr Vorkommen, ob in Gefangenschaft oder Freiheit, nichts beschönigt wird. Wölfe etwa sehen wir nicht. Doch Markus berichtet, dass die Haltung von Rudeln im Gehege derzeit stark hinterfragt wird, weil die unterlegenen Omega-Tiere wie in der Natur von den Alpha-Tieren angegriffen werden, aber nicht vor ihnen flüchten können.

Waldführer Markus Graf begleitet Gruppen ins Tierfreigelände.

Bei den Luchsen wiederum sehen wir erst wenige Tage alte Babys durch das Gehege tollen, erfahren aber, dass ihre wilden Artgenossen wegen ihrer Beutezüge auf Rehe von so manchem Jäger im Bayerwald gar nicht gern gesehen werden: „Es wurden schon erdrosselte Pinselohren oder Tiere mit abgehackten Pfoten gefunden“, erklärt der Waldführer. Jüngster Neuzugang im Freigehege-Areal sind vier Elche. Eine Attraktion für Besucher, denn wegen ihrer besonderen Ansprüche – sie benötigen einen Lebensraum mit Wald, Wiese, Wasser, Moor und fressen im Winter kein Heu – ist ihre Haltung in Zoos zu aufwändig. „Bei uns fühlen sie sich aber wohl und bekommen jedes Jahr Nachwuchs“, sagt Markus.

Einen Teil seiner Führung widmet er dem Organismus des Naturwaldes. Und da ist weiterhin der Borkenkäfer ein großes Thema. Denn mit über 70 Prozent Fichtenanteil ist der Nationalpark besonders anfällig für den Buchdrucker, eine Art des Schädlings. Wobei dieser Begriff hier fehl am Platz ist: „Der Borkenkäfer wird im Schutz-gebiet nicht als Schädling angesehen, befallene Bäume werden nur aus Sicherheitsgründen gefällt“, erklärt der Waldführer. Ganz gemäß dem Motto „Natur Natur sein lassen“, das der 1970 gegründete Nationalpark trägt. Es hat seine Zeit gedauert, bis diese Idee sich in den Köpfen der Einheimischen verankert hat. Doch mittlerweile hat sie nur noch wenig Gegner, meint Markus. „Der Nationalpark ist der größte Arbeitgeber in der Region und bezieht beträchtliche finanzielle Mittel. Viele andere kommen und schauen sich unser Vorzeigeprojekt an“, sagt er nicht ohne Stolz.

Zu den rund 200 Mitarbeitern des Nationalparks gehört auch Ranger Harald Bauer. Zusammen mit 23 Kollegen ist er für die Besucherlenkung, die Schutz­gebietsüberwachung und viele weitere Aufgaben zuständig. Nur widerwillig erklärt er sich zu einem kurzen Gespräch im Büro bereit – denn seine Welt, das macht er un­miss­verständlich klar, ist „draußen“. Ob bei Familientouren, bei Führungen in sonst nicht zugängliche Waldteile oder im Winter bei Schneeschuh­wan­de­rungen auf den Lusen: Der Forstschutzbeauftragte ist „Som­mer wie Winter bei jedem Wetter“ unterwegs und freut sich über „höchstens eine halbe Stunde Büroarbeit am Tag“. Seit dem Beginn seiner Tätigkeit vor 13 Jahren konstatiert er ein stetig wachsendes Besucheraufkommen und ein zunehmend jüngeres Publikum. „Die wollen die Wildnis sehen“, sagt Bauer zufrieden und sieht den Nationalpark gut aufgestellt für seinen 50. Geburtstag im Jahr 2020.

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