eCall Plus und Rettungsgassen-Assistent: Freie Fahrt per Signal

Immer noch zu selten werden Rettungsgassen so vorbildlich gebildet wie hier. Foto: DRK/Brigitte Hiss

Wenn Einsatzfahrzeuge auf dem Weg zum Unfallort behindert ­werden, kann das für die Unfallopfer fatale Folgen haben. Auch wenn immerhin die Hälfte der Autofahrer weiß, wann eine Rettungsgasse gebildet werden muss, stecken immer noch zu viele Helfer im Stau fest. Zwei neue Assistenzsysteme könnten künftig dabei ­unterstützen, den Notfallkorridor frei zu halten.

Anfang Juni auf der A5 bei Bruchsal: Ein Sattelzug fährt am Stauende auf einen Kleintransporter auf und schiebt ihn unter einen Lkw. Der Fahrer stirbt, zwei weitere Personen werden schwer verletzt. Alltag auf deutschen Autobahnen. Leider auch, dass sich die Helfer immer wieder durch nicht vorhandene Rettungsgassen schlagen müssen. Wussten Sie, dass die Pflicht zur Bildung einer Rettungsgasse schon seit den Siebzigerjahren in der Straßenverkehrsordnung verankert ist? Und Verstöße dagegen mit bis zu 320 Euro Bußgeld, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot bestraft werden?

Doch ob aus Unwissenheit oder Desinteresse – in 80 Prozent der Fälle verlieren Helfer durch blockierende Pkw und Lkw wertvolle Zeit. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Jahr 2018, an der sich insgesamt 96 Rettungsteams des DRK beteiligten. Nur bei 15,6 Prozent der ausgewerteten Einsätze wurde nach Angaben von DRK-Bundesarzt Prof. Dr. Peter Sefrin spontan eine Rettungsgasse gebildet, bei 35,4 Prozent erst nach Aufforderung durch ein Sondersignal. Mehr als 20 Prozent der Fahrer reagierten gar nicht. Wer glaubt, dass vor allem Lkw die Fahrwege der Retter zustellen, irrt. In über 80 Prozent der Fälle waren es Pkw. „Der durchschnittliche Zeitverlust wurde auf bis zu fünf Minuten geschätzt. Für einen Patienten, der reanimiert werden muss, kann dann jede Hilfe zu spät sein“, sagt Prof. Sefrin.

Auch wenn Aufklärungskampagnen immer mehr Autofahrern den Sinn der lebensrettenden Notfallkorridore näher bringen, wissen nur 55 Prozent, wann eine Rettungsgasse gebildet werden muss. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) im November 2018. Das Problem: Kommt der Verkehr zum Stillstand, ist es für die rechtzeitige Bildung einer Rettungsgasse meist zu spät. Die Fahrzeuge stehen für erfolgversprechende Rangiermanöver zu nahe hintereinander, es wird häufig zu langsam oder an der falschen Stelle versucht, Platz zu schaffen, und damit kostbare Zeit vergeudet.

Datenaustausch per Mobilfunk

Will man das Problem an der Wurzel packen, muss die Rettungsgasse also schon viel früher gebildet werden. Technisch könnte das mithilfe von V2X gelingen. V2X steht für Vehicle to Everything (auf deutsch: „Auto zu allem“) und fasst Kommunikationstechniken zusammen, bei denen ein Fahrzeug Informationen mit anderen Fahrzeugen, Dingen oder Verkehrsteilnehmern austauscht. Ford und das Telekommunikationsunternehmen Vodafone haben zu diesem Zweck 2017 ein Forschungsprojekt gestartet, das sich mit der Entwicklung von Assistenzsystemen beschäftigt, die Autofahrer vor Gefahren warnen sollen. Dazu gehören etwa der Unfall-voraus-Warner (eCall Plus) und der digitale Rettungsgassen-Assistent.

Auf einem Erprobungsareal gestartet, werden die Assistenzsysteme mittlerweile im realen Straßenverkehr im Großraum Düsseldorf (NRW) getestet. Die Technik nutzt die Signale des automatischen Notrufsystems eCall. Dieses ist in allen Automodellen serienmäßig verbaut, deren EU-Typgenehmigung nach dem 31. März 2018 erfolgte. Verunfallt ein solches Fahrzeug, sendet eCall bislang automatisiert oder vom Fahrer manuell ausgelöst ein Notrufsignal per Mobilfunk an die Rettungsleitstelle oder den Autohersteller. In der Annahme, dass in Zukunft alle Fahrzeuge serienmäßig mit Mobilfunk-SIM-Karten ausgestattet sind, könnte das anonymisierte und verschlüsselte Signal des verunfallten Fahrzeugs dann im Umkreis mehrerer Kilometer auch von anderen Autos empfangen werden. Mittels des Unfall-voraus-Warners wird das Signal als Warnmeldung in den Empfängerfahrzeugen dargestellt und mit Zusatzinformationen wie der Entfernung zum Unfallort versehen. Frühzeitig eingeblendet, könnten sich Autofahrer besser auf einen Stau vorbereiten, schon bei stockendem Verkehr eine Rettungsgasse bilden oder Umleitungen nutzen. Nach Passieren der Unfallstelle, deaktiviert sich das Signal.

Der digitale Rettungsgassen-Assistent geht noch einen Schritt weiter. Ebenfalls mit einer SIM-Karte ausgestattet, sendet ein Rettungswagen auf seiner Einsatzfahrt permanent ein Mobilfunksignal an alle Fahrzeuge in der Umgebung aus. „Autofahrer erhalten eine visuelle und akustische Warnung, dass sich ein Rettungsfahrzeug nähert. Eine Anleitung auf dem Innenraumdisplay zeigt, in welche Richtung die Rettungsgasse gebildet werden sollte“, sagt Tobias Krzossa, Sprecher von Vodafone. Musik oder Telefonate in den Empfängerfahrzeugen kann das V2X-Signal überspielen.

Doch wie kann sichergestellt werden, dass die Signale nicht von unbeteiligten Autofahrern empfangen werden? „Die Standortdaten sind sehr präzise, so unterscheidet das System, in welcher Richtung der Autobahn ein Rettungsfahrzeug unterwegs ist, oder ob es sich auf einer parallel verlaufenden Bundesstraße befindet“, weiß Krzossa. Um die in wenigen Millisekunden stattfindende Echtzeitkommunikation in Zukunft flächendeckend einsetzen zu können, benötigt V2X mindestens den Mobilfunkstandard 4G/LTE und nicht unbedingt zwingend 5G, das für das automatisierte Fahren unerlässlich wäre. Bis zur Realisierung auf der Straße gelte es aber, noch Funklöcher zu stopfen. Insbesondere an Autobahnen bricht der Empfang immer wieder ab – trotz 98,6 Prozent Netzabdeckung. Bis Ende des Jahres will Vodafone neben den bestehenden 25000 Mobilfunkstationen weitere 6000 4G/LTE-Sendemasten errichten, vorzugsweise an Autobahnen.

Serieneinsatz ungewiss

Auch wenn die Praxistests der beiden Assistenzsysteme vielversprechend verlaufen, dämpft Ford-Sprecher Isfried Hennen die Erwartungen: „Konkrete Pläne für einen Serieneinsatz gibt es bislang nicht.“ Krzossa weiß, dass es „am Ende auch keine Insellösung bleiben darf. Es macht nur Sinn, wenn eine solche Technik nicht nur auf eine Automobilmarke beschränkt bleibt.“ Bis zum Serieneinsatz müssten Politik und Autohersteller auch noch das Thema Datenschutz anpacken, da den Automobilherstellern die Integration der Technik in ihre Systeme obliege und der Datenschutz nicht Aufgabe der Zulieferer sei, mahnt Krzossa.

Vielleicht geht es aber doch schneller, als gedacht. In den Modellen Puma und Kuga hat Ford in diesem Jahr bereits eine „Lokale Gefahrenwarnung“ integriert, die Fahrer mit Informationen vorausfahrender Autos vor Unfällen, Baustellen, liegengebliebenen Fahrzeugen oder vor kritischen Straßenbedingungen warnt.     N

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