Camping einfach und außergewöhnlich: Stellplätze an besonderen Orten

Wo sonst zwischen Braunkohle-Tagebauriesen große Festivals statt­finden, wird jetzt beim Pop-up Camp im Museum Ferropolis in Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt gecampt. Foto: Ferropolis

Im Wohnwagen zwischen Baggern schlafen, in einem Privat­garten zelten oder Wohnmobil-Urlaub auf einer Straußenfarm verbringen – Beispiele von kreativen Alternativen zum Über­nachten auf herkömmlichen Campingplätzen. Die außergewöhnlichen Stellplätze sorgen für neue Kapazitäten, nicht nur während der mittlerweile oft überlaufenen Hochsaison. Ein Trend weg von viel Schnickschnack, zurück zu mehr Einfachheit.

März 2020. Während sich viele Menschen in Deutschland und der Welt an das neue Virus gewöhnen mussten, war der Hamburger Jobst von Paepcke schon direkt davon betroffen. Er erkrankte an Corona. Es folgten Auswirkungen der Pandemie auf seine Film- und Eventproduktion. „Unser Business war temporär komplett stillgelegt und mein Eindruck war: Das wird schlimm! Ich dachte mir also: ‚Wenn schon keine Arbeit, dann nutze ich den Sommer mit der Familie zum Campen und Surfen‘“, erzählt der Geschäftsführer rückblickend von der damaligen Situation.
Ein Einfall, den viele gehabt haben. Die Stellplatz-Kapazitäten in Deutschland drohten knapp zu werden. „Es entstand die Idee, neue temporäre Campingflächen im großen Stil zu schaffen. Dafür wollten wir Festivalveranstaltern die Möglichkeit bieten, coronakonforme Camps in ganz Deutschland  auszurichten. Um wirtschaftliches Handeln lokal zu fördern und Teil einer landesweiten Lösung für das Urlaubsproblem zu sein“, sagt er. Ergebnis dieser Überlegungen ist die Internetplattform Pop-up Camps, über die mittlerweile rund 500 Campflächen deutschlandweit gebucht werden können. Anbieter sind neben Festivalveranstaltern auch Privatleute.

Im ersten Lockdown 2020 hatte Jobst von Paepcke die Idee, neue temporäre Campingflächen im großen Stil zu schaffen und gründete die Internetplattform Pop-up Camps. Foto: Pop-Up Camps

Einer dieser Anbieter ist das Industriekultur-Museum Ferropolis in Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt. Gecampt wird zwischen schweren Baggergiganten am Gremminer See, der die Wüste eines Braunkohle-Tagebaus bedeckt. Hier fanden vor der Pandemie Festivals mit bis zu 30000 Besuchern statt. „Aus der Not geboren ist es zu einer Liebesbeziehung geworden“, erzählt Ferropolis-Pressesprecherin Janine Scharf über das Camp. WC, Dusche, Strom und Grauwasserentsorgung sind hier vorhanden. Sogar eine Halle mit Tischtennisplatte wurde mittlerweile eingerichtet.


Alternativen zu herkömmlichen Plätzen
Die Liste der Anbieter von solchen individuellen Stellplätzen ist seit Beginn der Corona-Pandemie länger geworden (siehe Tabelle unten). Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber durchaus auch Unterschiede. (Fast) alle Anbieter vereint, dass sie Reisende ansprechen, die Außergewöhnliches suchen, die nicht unbedingt auf herkömmlichen, vollen Campingplätzen urlauben möchten und die Natur und Einfachheit suchen. Dementsprechend finden Gäste laut Pressesprecherin Vera Mühl bei My Cabin „individuelle Plätze mitten in der Natur ohne viel Schnickschnack“.

Gastgeber und legales Wildcampen
Anders als beim Camp von Ferropolis nehmen manche Anbieter nur autarke oder teilautarke Camper auf. Was auf dem Stellplatz an Infrastruktur vorhanden ist, ist im jeweiligen Inserat auf den Websites zu lesen. Viele bieten nur zwischen einem und drei Stellplätzen für einen begrenzten Zeitraum an. Und manchmal können sogar Campingbegeisterte ohne eigene Ausrüstung fündig werden, zum Beispiel bei Übernachtungen im Zirkuswagen. Wie sehr es bei diesen Urlaubsformen oft auch auf die persönliche Note ankommt, zeigt Hinterland Camp, das sich das  „Airbnb für Camper und Abenteurer“ nennt. Pressesprecherin Lesley-Ann Jahn sagt, dass die Gäste vor allem die Ruhe in der Natur und die große Gastfreundschaft schätzen würden.  „Es macht einfach großen Spaß, dabei zu sein und neue Menschen kennenzulernen, die unsere Liebe zur Natur teilen“, berichtet Gastgeberin Christina Neumann. Auf ihrem Erlebnis-Bio-Bauernhof im Allgäu bietet sie Führungen und Programme rund ums Thema Bauernhof an.
Auch um das Schaffen von umweltfreundlichen Übernachtungsmöglichkeiten geht es vielen Veranstaltern, wie Betreiberin Nina Heyder mit Zelt-zu-Hause. Das Motto des Hinterland-Camp-Teams lautet: „Wir haben das Wildcampen gezähmt.“ Denn obwohl es sich oft wie Wildcampen anfühle, sei das Übernachten legal, weil man vorab den Platz beim Eigentümer buche.

Gastgeberin Christina Neumann mag den persönlichen Kontakt zu den Campern, die über Hinterland Camp buchen. Sie bietet ihnen auf ihrem Bio-Hof im Allgäu Führungen an. Foto: hinterland camp/Thommy Hetzel

Christian Günther, Geschäftsführer beim Bundesverband der Campingwirtschaft in Deutschland (BVCD),  weist darauf hin, in diesem Zusammenhang die entsprechenden Landesbau- und Campingplatzverordnungen im Blick zu haben und den Versicherungsschutz nicht aus den Augen zu verlieren. „Zeltet man zum Beispiel bei jemanden im Vorgarten und es passiert etwas, wird die Haftpflichtversicherung des Campers in der Regel nicht zahlen“, sagt er.


Wachstum bei Plätzen und Freizeitfahrzeugen
Marc Dreckmeier, Leiter Marketing & PR beim Caravaning Industrie Verband (CIVD), beobachtet die Veränderung am Stellplatz-Markt: „Die stetig wachsende Beliebtheit von Caravaning führt neben einem kontinuierlichen Wachstum bei den Reisemobil-Stellplätzen mit Sicherheit auch zu einer Zunahme bei Pop-up-Plätzen und der Möglichkeit, auf dem Grundstück von Privatpersonen zu übernachten. Gerade für Rundreisende mit einer, vielleicht zwei Übernachtungen an einem Ort sind beide Ansätze besonders geeignet.“ Fest steht: Camping ist in Zeiten der Pandemie beliebt wie nie. 2020 wurden in Deutschland zum ersten Mal mehr als 100000 Reisemobile und Caravans neu zugelassen – das waren 36 Prozent mehr als im Rekordjahr 2019.  Ein neuer Rekordwert von mehr als 9,1 Millionen Übernachtungen wurde laut BVCD im August 2020 auch auf deutschen Campingplätzen verzeichnet, selbst wenn Christian Günther nicht von einem „Boom“ sprechen möchte. „Der Campingtourismus ist in Europa um 37 Prozent eingebrochen. Fakt ist, dass viele Gäste einfach zu Hause geblieben sind. Andere haben statt einem Urlaub im Ausland dann im Inland gebucht“, erklärt er.

Auf diesem Zelt-zu-Hause-Platz am Ende des Rennsteigs und Anfang des Kammwegs in Thüringen schlafen Gäste mitten in der Natur. Foto: ZeltzuHause

Dennoch empfiehlt er eine Reservierung bzw. Buchung der herkömmlichen Campingplätze vorab, ist sich aber sicher, dass die bestehenden Kapazitäten ausreichen. In der Hauptsaison kann es in beliebten touristischen Regionen trotzdem eng werden, wie die Erfahrungen der Autorin und Berichte von Campern in den sozialen Netzwerken zeigen. Auch Larissa Maier-Lauth, PR-Managerin beim Pop-up Camp Fleesensee, bestätigt: „Da die Mecklenburgische Seenplatte ein beliebtes Ziel für Touristen ist, wurden Stellplätze zeitweise knapp und es gab zahlreiche Wildcamper.“
Die idealen Voraussetzungen also für ein Pop-up Camp im Resort Fleesensee, zu dem die namhaften Hotels Schloss Fleesensee, Robinson Fleesensee, Tui Blue Fleesensee und  Beech Resort Fleesensee gehören. Die Camper profitieren hier von der bereits vorhandenen Infrastruktur: unter anderem Gastronomie, Wellness, Golf, Tennis Squash, Wassersport und Resort-Shuttlebus.

Das Pop-up Camp Fleesensee ergänzt nun das Resort Fleesensee mit vier Hotels und einem umfangreichen Freizeitangebot – darunter ein Golfplatz – an der Mecklenburgischen Seenplatte. Foto: PopUp Camp Fleesensee

Individuelle Plätze werden beliebter
Neu ist das Konzept der individuellen Stellplätze nicht: Landvergnügen-Projektleitung Daniela Pensold blickt mit dem Reise- und Genussführer Landvergnügen schon auf Erfahrungen seit 2014 zurück. Anders als bei anderen Anbietern laden die Gastgeber Landvergnügen-Reisende mit Reisemobil oder Wohnwagen für eine Nacht gebührenfrei auf ländliche Höfe in Deutschland ein. Eine Jahresvignette berechtigt sie dazu, das Netzwerk zu nutzen. „Wir waren in diesem Jahr zum ersten Mal schon vor der Veröffentlichung im März ausverkauft“, erzählt sie. Ähnliche Konzepte gibt es in anderen Ländern wie Frankreich und Schweden und neu in diesem Jahr in Österreich. Die Campingplatzalternativen würden sehr gut angenommen, wie die Betreiber übereinstimmend berichten. „Wir merken, dass sich derzeit viel bewegt und die Menschen unbedingt wieder reisen wollen“, sagt Vera Mühl von My Cabin.

Wer Urlaub auf Höfen in Deutschland machen möchte, findet im Landvergnügen-Stellplatzführer unter anderem die Straußenfarm Riederfelde in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Landvergnügen

Umfangreiche Pläne für die Zukunft
Auch nach der Pandemie wollen die Anbieter an ihren Konzepten festhalten und die Netzwerke teilweise aufs Ausland ausdehnen. „Nach Corona steht die nächste Prüfung für uns alle vor der Tür – in Form der Klimakrise. Minimale Infrastruktur beim Campen und regional attraktive Angebote sind ein Beispiel, Dinge wirtschaftlicher, ästhetischer und umweltfreundlicher zu denken als bisher“, sagt Jobst von Paepcke. Für ihn hat die Pandemie nur den Impuls gegeben für etwas, das erst danach sein ganzes Potenzial entfaltet.

In unmittelbarer Nähe zu Tieren übernachten Camper mit autarken Wohnmobilen und -wägen seit dieser Saison auf vielen Bauernleben-Stellplätzen in Österreich. Foto: Bauernleben

Beispiele für Landcamping-Stellplatzführer mit Jahresvignette:

Deutschland: Landvergnügen, € 34,90,
bestellbar für 2022 über www.landvergnuegen.com

Österreich: Bauernleben, € 34,90,
bestellbar über www.bauernleben.at

Andere europäische Länder:
Ähnliche Konzepte sind unter www.fefi.eu zu finden.


Auswahl an Anbietern von individuellen Stellplätzen:
www.campspace.com
www.fleesensee.de/popupcamp
www.hinterland.camp
www.mycabin.eu
www.nomady.ch
www.popupcamps.de
www.stadt-land-bus-camping.de
www.vansite.eu
www.zeltzuhause.de

Foto: Bettina Glaser
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